Friedlich essen

Ich liebe es mit Freunden zu essen. Habe ich jemanden schon lange nicht gesehen, dann treffen wir uns gemütlich über einer Platte von Sushi, Salat oder Gemüse. Auch bei Einladungen zu Hause zieht es die Menschen immer in die Küche, zum „Herdfeuer“. Wo es etwas zu essen gibt, da lassen sich alle gerne nieder. So weit so gut.

Doch wenn das Essen vor mir steht, wird es schwierig. Soll ich essen? Soll ich zuhören? Soll ich sprechen? Wir treffen einander ja nicht nur zum Essen, sondern um zu plaudern, gemeinsam zu lachen und Neuigkeiten auszutauschen. Also geht die Unterhaltung beim Essen weiter. Kaum stecke ich das Sushi in den Mund, fragt mich die Freundin, wo ich im Urlaub gewesen war und ob ich schon den Film XY gesehen hätte. Die Frage schreit nach meiner Antwort, obwohl mein Mund nichts anderes tun will als kauen. Dann hilft es auch nicht, verzweifelt mit der Hand vor dem Mund auf und ab zu wedeln, um zu zeigen, dass ich mit vollem Mund nicht reden kann. Ich schlucke zu schnell hinunter und beginne die ersten Worte mit dem halb unzerkauten letzten Radieschen am Gaumen. So fühle ich mich hin und her gerissen zwischen den Anforderungen zu reagieren und gleichzeitig zu essen.

Anders ist es im klösterlichen Leben und bei einem Retreat. Das wurde mir vor kurzem bei einem Zen-Einführungstag bewusst. Als wir gemeinsam um den Esstisch saßen, galt wie immer die Regel des Schweigens. Wir aßen friedlich vor uns hin und widmeten uns voll und ganz jedem Bissen. In der Tagesrückschau sagte eine Teilnehmerin: „Schweigen beim Essen tut so gut. Das würde ich mir zu Hause auch wünschen.“

Für den nächsten Tag hatte ich eine Runde Frauen zu mir nach Hause eingeladen. Das Catering war bestellt und der Abend versprach interessant zu werden. Als ich in der Nacht davor die einzelnen Phasen der Einladung im Kopf durchging, poppte die Idee in meinem Kopf auf: Wie wäre es, wenn wir beim Essen wie am Zen-Tag schweigen würden? Wäre das bei einem geselligen Abend passend? Spielregeln aufstellen ist heikel. Schließlich wollen sich alle entspannen und lustig sein. Aber wenn keine Regel aufgestellt wird, dann bekommt man genau das was immer passiert, nämlich eine Verwurstelung von Essen, Kauen und Reden. Daher wagte ich es. Es waren alle meine Freundinnen und würden die Idee verstehen. Also erklärte ich zu Beginn mein Vorhaben und die Regel: „Keine wird angesprochen solange sie noch isst.“ Alle akzeptierten und so wurde es in jenen Zeiten, in denen wir alle aßen, ruhig. Hie und da kam ein kleiner Ausruf wie „Mhm das schmeckt gut“, ansonsten aßen wir einfach, jede in ihrem Tempo. Es war so friedlich.

Es gibt in der Etikette die alte Regel: „Mit vollem Mund spricht man nicht“. Ich würde den Befehl zu einer Übung der Rücksichtnahme umwandeln und sagen: „Sprich niemanden an, solange er noch isst.“ Das heißt: Bringe niemanden in Bedrängnis, antworten zu müssen, solange er beim Essen ist.

Was ist das Gute dran?

Erstens: Ich kann mich ganz dem Essen und seinem Geschmack widmen. Ich würge nichts hinunter, um über etwas zu sprechen, das in diesem Moment gar nicht relevant ist. Ich kann friedlich in meinem Tempo essen.

Zweitens: Ich werde nicht aus dem Essen herausgerissen und in eine fremde Gedankenwelt hinein gezogen. Ich bleibe bei dem was ich gerade tue.

Drittens: Die Regel gibt mir die Erlaubnis, nicht zu reagieren. Viele finden es störend, während des Essens zu reden, aber niemand will unhöflich sein. Dieser Druck wird durch die ausgesprochene Regel von mir genommen.

Dieses Experiment war für meine Runde genau das Richtige. Zwischen den Gängen und nach dem Essen entspannen sich interessante, fröhliche Gespräche, wir hörten einander anders zu. Der Abend wurde zu einem Ort echter Begegnungen.

Probiere es aus!

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