Ein Sonntag für den blauen Himmel

„Jetzt fängt es schon wieder an“, seufzte Paul, der Mann an meiner Seite. Es war ein Wintertag im Lockdown Modus. Die Sonne glitzerte in Regenbogenfarben auf den Schneeflecken, die Menschen streckten ihre bleichen Wintergesichter in die Sonne und über uns spannte sich der tiefblaue Himmel. … Nur am östlichen Horizont liefen vier Kondensstreifen über den Himmel und begannen sich nach und nach in milchiges Weiß aufzulösen. Darauf bezog sich Paul und seufzte weiter: „Sie zerschneiden uns schon wieder den Himmel“.

Er hatte recht. Wohin war der blaue Himmel meiner Kindheit und Jugend über die Jahre verschwunden? Er hatte sich nach und nach hinter den Flugzeugspuren in ein diffuses milchiges Blau aufgelöst. Gewöhnt hatte ich mich an den Verlust nie. Jedes Mal, wenn ich zum kreuz und quer zerschnittenen Himmel hinaufsah, hatte es mir einen kleinen Stich ins Herz versetzt.

Junge Menschen in Europa haben den richtig blauen Himmel nie erlebt. Ich erinnere mich an die Aussage eines meiner Söhne vor einigen Jahren. Er hatte als Austauschstudent sechs Wochen in Südafrika verbracht. Als ich ihn vom Flughafen abholte, war meine erste Frage an ihn, was ihm dort am meisten gefallen hätte. Darauf erwiderte er begeistert: „Der tiefblaue Himmel. Du musst unbedingt nach Afrika fahren, einfach nur wegen des Himmels“.

Wie oft habe ich mir den blauen Himmel herbeigesehnt. Oft war ich bei meinen Wanderungen richtig wütend geworden, dass es nie still war, dass der Flugzeuglärm die Vögel und das Rauschen der Bäume übertönt hatte. Gleichzeitig war meine Wut so sinnlos, so hilflos, so vergeblich.

Nun war plötzlich der blaue Himmel vor einem Jahr wieder zurückgekehrt, makellos und wunderschön. Coronas Geschenk quasi. Diese Weite, diese Tiefe, diese Reinheit! Mein Herz war das ganze Frühjahr voller Freude, dass ich ihn wieder so erleben konnte. Ich lag in meiner Liege im Garten, zählte die Wolken und merkte, wie ein unbestimmter innerer Druck einem Gefühl von Freiheit und Weite wich.

Wäre es nicht möglich, diesen Himmel frei zu halten? Ihn unter Naturschutz zu stellen? Wenigstens an einem Tag der Woche? Wäre es nicht schön, dem Himmel den Sonntag zu schenken und uns den blauen Himmel ?

Der leere Himmel wurde über die Jahre auf dem Altar unserer Reiselust geopfert.
Klar, es ist interessant zu reisen. Ich bin mehrmals nach Amerika gereist, nach Japan und etliche Male innerhalb Europas. Z.B. geschäftlich. „Ach, das besprechen wir nicht am Telefon, da komme ich persönlich vorbei, und schon saß ich im Flieger nach Hamburg und zurück – an den Tagesrandzeiten, was auch nicht immer lustig war. Und im Urlaub, sogar nur für einen Tag: Ich fand es cool, im Morgengrauen von Wien nach Tirol in die Axamer Lizum zu jetten, um einen Tag lang die Skipisten hinunter zu brettern. Am Abend flog ich zurück. Das „Ich kann überall sein“-Syndrom hatte mich im Griff gehabt. Wie auch alle anderen, denn vor dem ersten Lockdown waren jeden Tag 400.000 Flugzeuge weltweit unterwegs.

Inzwischen bin ich gescheiter und habe etwas erkannt, das sonnenklar auf der Hand liegt.

Es waren nicht die anderen, die den Lärm verursachten, jene, auf die ich wütend war, weil sie meinen Himmel zerschnitten, die Namenlosen. Nein, es waren wir, es war ich selber. Es war die Frau, die uns im Oktober im Kärntner Hotel erzählte, sie wäre „eigentlich“ jetzt in Zypern. Und eine andere, die jammerte, nicht in ihr Zweithaus nach Kreta zu können und daher hier im Wald spazieren ging. Und es war ich, die glaubte, ein Recht zu haben, quer durch die Welt fliegen zu müssen, nur so zum Spaß.

In der Corona-Zeit habe ich viele Plätze in meiner unmittelbaren Umgebung entdeckt, die ich früher nie beachtet hatte, atemberaubend schöne Landschaften, Museen und Kirchen. Und ich habe den unendlich freien Himmelsrund neu lieben gelernt. Ich will nicht nach Afrika fliegen um einen schönen Himmel betrachten zu können. Und so habe ich mich entschlossen, nicht mehr selbstverständlich mit dem Flugzeug zu fliegen, sondern andere Mittel zu suchen. Für meinen Himmel, für unseren. Mit einer kleinen Träne im Herzen, dass ich da wahrscheinlich alleine auf weiter Flur bin, sobald alle wieder uneingeschränkt reisen dürfen.

9 Kommentare zu “Ein Sonntag für den blauen Himmel

  1. Liebe Fleur,
    bei deinem Text zum blauen Himmel sind bei mir ein paar Fragezeichen entstanden, was die Zen-Lehre angeht. Das Leiden, der Stich ins Herz sozusagen, entsteht es nicht laut dem Herz-Sutra durch die 5 Skandhas, den Bereichen des Anhaftens (du hast den Text früher mit Hinnerk übertragen?).
    Und da findet man doch die Erwartungen, z. B. dass der Himmel unzerschnitten blau zu sein hat.
    Mir schnitt eher der Satz deines Mannes ins Herz: „Sie zerschneiden uns wieder den Himmel.“ „Welche übermächtigen Sie?“ Da fliegen einfach Flugzeuge.
    Welche Geschichte erzählt sich der Geist deines Mannes?
    Ein auf jeden Fall anregender Text von dir.
    Ein herzliches Gassho von der Nordseeküste.

    • Liebe Bettina, ja klar entsteht der Stich ins Herz durch die Wahrnehmung, Willensregungen und Bewusstsein, durch die die Erwartung entsteht, dass der Himmel unzerschnitten sein soll. Wir sind Menschen und ohne die 5 Skandhas hätten wir in der Menschheitsgeschichte (den Säbelzahntiger und Konsorten) wohl nicht überlebt. Deshalb dienen sie uns und gleichzeitig leiden wir unter ihnen. Weiters: Ich wollte durch den Text ausdrücken, dass das „Sie zerschneiden uns den Himmel“ im Grunde wir alle sind. Das war mein AHA-Erlebnis. Wenn wir etwas wahrnehmen und erkennen – Die Flugzeuge fliegen – , betrachten wir erneut das Leben von Punkt Null und können uns fragen, was kann ich tun, um die Welt besser zu machen? Meine Erkenntnis, dass wenigstens ich nicht mehr fliegen sollte, ist wohl das Mindeste, was ich tun kann. Deshalb beginne ich damit. Ganz herzliche Grüße in den Norden, Fleur

  2. Ganz alleine bist du nicht, Fleur. Ich habe mir ebenfalls vorgenommen, auf allzu leichtfertig unternommene Flugreisen zu verzichten. Ich denke, dass ein Leben nicht ausreicht, um all die Schönheiten in unseren Land und in der näheren Umgebung zu bereisen. Eine blühende Blumenwiese im Sommer steht einem Palmenstrand in der Südsee doch um nichts nach. Das geht dann auch ohne Flieger. Obwohl, einmal muss ich schon noch nach Kreta – vielleicht findet sich da dann ja ein anderer Weg….

  3. Nicht weinen, ich mache das schon lange so. Nicht erst seit Corona. Meine letzte Flugreise liegt 21 Jahre zurück. In Amerika und in Japan war ich noch nie, geschweige denn in Afrika. Für meine eigenen Kinder und für die Jugendlichen, die ich an meiner Schule unterrichte. Auch wenn sie sich selbst den Himmel zerschneiden…

    • Danke für den ermutigenden Kommentar. Vielleicht haben doch einige im Vorjahr erkannt, dass wir nicht unbedingt ALLES brauchen und dass es gescheiter ist, besser in unserer Nähe hinzuschauen. Leider kommen wir oft erst drauf, wie kostbar es ist, wenn wir es verloren haben. So ging es mir mit dem blauen Himmel.

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