Leonard Cohen’s Zen Leben

leonard_cohen_fotoBob Dylan, diesjähriger Literaturnobelpreisträger, saß vor vielen Jahren mit Leonard Cohen im Auto. Das Gespräch ging hin und her und schließlich erzählte Dylan, dass ein berühmter Songwriter zu ihm gesagt hatte: „Du, Bob, Du bist die Nummer eins, aber ich bin die Nummer zwei“. Cohen lächelte vor sich hin. Nach einer Weile sagte Dylan: „Meiner Meinung nach Leonard, bist Du die Nummer eins. Aber ich bin die Nummer Null.“ Cohen interpretierte die Aussage so: Dylans Arbeit überschreite alle Grenzen und sei damit unvergleichlich, während seine, Cohens, ganz gut sei.

Diese Geschichte entnahm ich einem aktuellen Artikel, der in der Zeitschrift New Yorker erschienen ist. Bis jetzt hatte ich gewußt, dass Cohen sechs Jahre in einem Zen-Kloster verbracht hat. Aber vieles andere war mir neu. Seine spirituelle Suche war intensiv und hatte schon früh begonnen. Einmal in der Woche ging er in die Synagoge, dazwischen tanzte er mit den Hare Krishna Anhängern, war kurz bei den Scientologen, las jüdische, christliche, Hindu und buddhistische Texte.

Schliesslich traf er Zen Meister Kyozan Sasaki Roshi. Cohen: „Roshi hatte etwas an sich, das mich glauben ließ, er könne mich etwas lehren, das für mich wichtig wäre“. Und so verbrachte er jedes Jahr bis zu drei Monate im Zen-Kloster Mount Baldy bei Los Angeles. Die übrige Zeit des Jahres führte er sein bewegtes Leben fort und machte Musik. Mitte der 90iger Jahre  ging er schließlich auf seine „Chateau Latour“- Tournee. Er bezeichnete sie so, weil er drei Flaschen Rotwein der Marke Chateau Latour brauchte, um es auf die Bühne zu schaffen. Selbstzweifel und Depressionen plagten ihn. In einem Video sagt er: „Es ist wunderbar, Musik zu machen. Aber ich konnte mich nie an meinen Erfolgen freuen. Ich konnte nicht damit umgehen.“

Nach der Tournee beschloss er, Sasaki Roshis Assistent und somit Mönch zu werden. Er schor sich den Kopf und blieb sechs Jahre lang im Zen-Kloster. Er meditierte bis zu 18 Stunden. Er wusch ab, reinigte die Toiletten und kochte.  Nach seinem bisherigen chaotischen Leben liebte er die Ordnung und Klarheit: „Ich liebe diese Art der Genügsamkeit, die man sonst nirgends findet. Ich mag die Stille dort. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, ohne reden zu müssen. Ich mag diese Gemeinschaft, die Schweigen duldet. Das ist ganz anders, als alleine zu sein. Es ist ein erfülltes Schweigen, eine kommunikative Weise zu schweigen.“

Ein Zen-Kloster sei wie ein Krankenhaus, meint Cohen. Viele Menschen kämen dorthin, weil sie nicht lebensfähig sind. Sie können kaum gehen oder sprechen. Die meiste Zeit verbringen sie, um gehen und atmen zu lernen, zu kochen und Schnee schaufeln zu lernen.

Pico Iyer, ein Journalist, besuchte eines Tages im Winter das Kloster auf Mount Baldy. Er wurde von einem Mönch begrüsst, der sich tief verbeugte und ihm anschließend sein Essen kochte. Es war Leonard Cohen. In einer Rede erzählt Iyer, wie überrascht und bewegt er war, als sein Idol ihm das Essen servierte. Cohen sagte ihm anschließend, dass es kein größeres und tieferes Vergnügen für ihn gäbe, als Freunden zu dienen. Die Demut dieses großen Mannes hatte Iyer zutiefst beeindruckt.

Als Cohen nach seinem Klosteraufenthalt in sein früheres Leben in Los Angeles zurückkehrte, musste er erfahren, dass jemand mit all den Millionen, die er 45 Jahre lang verdient hatte, verschwunden war. Geld, das er seiner Tochter und seinem Sohn überschreiben hatte wollen.

So ging er im Alter von 73 wieder auf Tournee. In den folgenden sechs Jahren gab er mehr als 300 Konzerte. Iyer ist noch immer mit ihm in Kontakt: „In diesen Konzerten offenbarte er eine neue Energie, eine neue Art sich auf der Bühne zu bewegen, eine neue Art von Beziehung zu seinem Publikum und eine neue Art von Tiefe. Wenn Sie ihn heute in seinem bescheidenen Haus besuchen, wo er mit seiner Tochter und Enkeltochter wohnt, werden Sie den glücklichsten Vater antreffen und jemanden, der Glück, Weisheit und Frieden ausstrahlt.“

Die spirituelle Suche eines Menschen führt durch Täler und auf Berge. Sie ist schwierig und erfüllend, verzweifelnd und wunderbar. Dabei geht es nicht nur um die Wahrheit, die jeder Mensch für sich entdeckt. Die Auslotung innerer Tiefen und Abgründe wird für andere Menschen ebenso spürbar:  in der Ausstrahlung und wie sie Dinge tun. Denken wir an das Zitat von Bob Dylan zu Beginn, dann ist Leonard Cohen durch seine bedingungslose spirituelle  Suche und sein Zen-Leben von der Nummer Eins zur Nummer Null geworden.

 

Ein Kommentar zu “Leonard Cohen’s Zen Leben

  1. Danke für den sehr spannenden Artikel!
    Für mich allerdings ‚bloß‘ wieder ein weiteres Zeugnis dafür, wie sehr Ihr alle gebrochen werdet, wie sehr es Euch an Liebe mangelt.
    Liebe dschungulöse Grüße!

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