Wie wir uns selbst falsche Bilder machen

OM

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Heute ging ich nach meiner wöchentlichen Yogastunde zur Garderobe, als mich eine junge Frau schüchtern ansprach: „Darf ich Dich etwas fragen?“….“Ist dieser Kurs besonders für 30 jährige gedacht?“ ……???????

Sie fragte mich wohl, denn mit meinen grauen Haaren bin ich offensichtlich nicht mehr dreissig.

Ich war etwas verwirrt und fragte daher nach, warum sie das glaube ….“Ja, …. weil so viele 30iger Zeichen an den Wänden hängen“.

Da begriff ich! Sie meinte die „Om“-Zeichen aus Messing, die die Wände des Yoga-Zentrums schmückten. Eine Yoga-Neue, die  – wie wir alle – auch nicht die Devanagari Schrift kennt, weiss damit natürlich nichts anzufangen und erkennt in dem Zeichen die ihr bekannte Zahl dreissig.

Das machte mich nachdenklich. Jeder von uns, der schon im Ausland war, kennt diese Wirkungsweise des Gehirns. Wir hören ein neues Wort und versuchen sofort, es in Beziehung zu einem uns bekannten Wort zu setzen. Wir erkennen ein Muster und interpretieren es in den uns bekannten und gewohnten Bahnen. Dadurch versuchen wir, Ordnung und Struktur in ein Chaos zu bringen. Der Mustererkennung folgt auch gleich die Interpretation und Bewertung.

Das gleiche läuft ab, wenn wir anfangen zu meditieren. Ich erinnere mich noch genau an meine ersten Zen-„Sitzungen“. Da glaubte ich, am Boden verschiedene Muster zu erkennen. Meist waren es Gesichter. Vor allem bei sehr langen Meditationsperioden sah ich am Anfang dämonische Gesichter, Fratzen, sehr beängstigend. Übte ich eine Woche lang jeden Tag viele Stunden lang Zen, hatten sich die Gesichter entweder aufgelöst, oder es waren daraus freundliche, lächelnde Gesichter geworden. Das Meditieren und Sitzen war ein „Grossreinemachen“ in meinem Geist. So konnte ich erkennen, dass die vielen Stunden Meditieren in meinem Bewusstsein, auch in meinem Unbewussten einen subtile und tiefergehende Wirkung gehabt hatte.

Was mich diese kurze Episode noch gelehrt hatte: In Meditationsräumen wird jedes Bild, jedes Symbol noch stärker wahrgenommen als in Wohnräumen – einfach weil der Geist sich beschäftigen will. Deshalb hängt in japanischen Zen-Übungsräumen kein Bild, das ablenken könnte. Wie ist es in Deinem Zen-Übungsraum?

5 Kommentare zu “Wie wir uns selbst falsche Bilder machen

  1. Liebe Fleur,
    Dein Artikel erinnert mich an ein Erlebnis vor einigen Jahren. Wir saßen jeden Montagmorgen Zazen im Betrieb. Der Raum war gelb gestrichen. Ich sitze immer mit geschlossenen Augen. Als ich am Ende der Runde die Augen öffnete und die gelbe Wand sah, sah ich sie zum ersten Mal „anders“. Erst der Gedanke „Wieso nennen wir es eigentlich Gelb?“ und ein Schmunzeln führten mich wieder in die gewohnte Welt.
    Herzlicher Gruß
    Michael

  2. Liebe Fleur ! Vielen Dank für deinen Artikel. Ich habe meinen Meditationsbereich erstmalig von außen gesehen und gleich umgestaltet, so dass ich mich heute beim Meditieren sehr wohl gefühlt hat.
    Danke für deinen Artikel.
    Lieben Gruß
    Brigitte

  3. Liebe Fleur, das Thema „Muster“ und „Prägungen“ beschäftigt mich gerade ganz besonders. So habe ich besonders herzlich gelacht über den „30-er“, der mich wieder einmal daran erinnert, bei meinen eigenen Mustern genau hinzuschauen und sie als solche zu erkennen.
    Danke an Dich und die Yoga-Kollegin für diese erfrischende Lektion!
    Herzlichen Gruß
    Petra

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