Warum Vorlesen anders ist als Vortragen

Meine Lesungen und Vorträge sind stets eine Kombination aus freiem Vortrag und Lesen. Das eine ist vom anderen grundsätzlich verschieden. Das ist mir vor einiger Zeit klar geworden, und ich habe es in meinem neuen Buch in Worte gefasst.

Am 19. September findet die erste Lesung meines neuen Buches in Wien statt. So wie bei den Lesungen meines vorigen Buches werde ich abwechselnd erzählen/vortragen und lesen. In den vielen Lesungen meines vorigen Buches habe ich bemerkt, wie anders sich Vorlesen und Vortragen anfühlt. Seither mache ich es oft umgekehrt: Bei Vorträgen lese ich auch mal etwas vor. Warum? Das erkläre ich in meinem Buch so:

Wir stehen am Drehpunkt zwischen innen und außen. Von Moment zu Moment entscheiden wir in welche Richtung wir uns drehen. Wenn wir uns mit den eigenen Gedanken und Beobachtungen beschäftigen, hören wir nach innen. Wenn wir andere in einem Gespräch oder einem Vortrag erreichen wollen drehen wir uns nach außen. In einem Vortrag schlagen die Worte einen Bogen zu den Zuhörern. Ich spreche mit ihnen, ich lache mit ihnen, ich versuche ihre Gedanken aufzugreifen und ihre unausgesprochenen Fragen zu beantworten.

Das Lesen empfand ich anders, innerlicher. Ich las und war ganz bei mir. Ich ließ mich in den Text hineingleiten und merkte, wie meine Stimme dadurch an Tiefe und Weichheit gewann. Ich saß in meinem Lesekokon, atmete mich ganz in die gelesenen Szenen hinein und lebte in ihnen. Meine Innerlichkeit wiederum zog die Menschen in meinen Kokon hinein, sie fühlten mit und wanderten mit mir in der Leselandschaft herum. Dabei konnten sich unsere Herzen berühren.

Was ich dadurch geschaffen hatte war ein Raum, ein Zwischenraum, in dem alle Anwesenden in diesem Moment gefangen waren. Auch ich durfte mich ganz dem Lesen hingeben und entspannte mich. Für mich führte das Lesen wieder zu mir zurück und daraus schöpfte ich Kraft.

Interessant, wie sich quasi die Richtung verändert. Unser Alltag spielt sich oft auf jener Ebene ab, die der Buddhismus „Gier“ nennt und die in die Zukunft gerichtet ist. Sie treibt uns innerlich voran. Sind Sie schon mal im Zuhörerraum gesessen und haben sich gedacht: „Das kenne ich, weiter, weiter“. Oder „das weiß ich noch nicht. Da brauche ich mehr Informationen.“ Der Blick richtet sich in die Zukunft, die Gegenwart bietet nicht genug. Wenn wir zuhören, befinden wir uns häufig im Zustand des Habenwollens. Das erzeugt eine Rastlosigkeit bei mir als Rednerin und eine Rastlosigkeit beim Publikum. Als Rednerin ist mein innerer Dialog ebenso: „Was kommt als nächstes?“ „Soll ich diesen Punkt überspringen, überfordert es die Leute?“ Nie bin ich ganz im Moment, ganz da.

Im Lesen muss ich ganz im Moment sein. Wenn ich während des Lesens daran dächte, was ich danach sagen werde, würde meine Stimme flacher werden und das Band der Zuhörer zur gelesenen Szene würde reißen. Also weiß ich, dass ich in der Szene drinnen sein muss und dass der Atem der Szene entsprechen muss. Am Atem und folglich an der Stimme würden die Leute merken, wenn ich nicht mehr voll da bin. Der Zwischenraum, der nicht nach vorne treibt, sondern mich ganz da lässt, quasi zweckfrei, schenkt mir Freiheit. Die Freiheit, ganz ich zu sein und gleichzeitig ganz bei den Zuhörern zu sein. Denn da gibt es keine Trennung mehr. Deshalb fühlte ich mich beim Lesen glücklich. Ich spürte die Einheit zum Publikum, wir „sahen“ die gleiche Szene und waren verbunden.

Es ist eine andere Ebene, die Ebene des Gefühls. Weg vom Verstand, der gierig vorwärts peitscht. Hin zum Moment des Wirklich-da-Seins.

Ich habe das vor kurzem selbst erlebt. Die großartige Stimmkünstlerin Elisabeth Orth hat im Südbahnhotel am Semmering einen Text von Stefan Zweig gelesen und sie war voll und ganz in diesem Text. Das ist es, was sie zur großen Künstlerin macht.

Damit kann ich freilich nicht mithalten. Aber ich werde mein Bestes geben. Wollt Ihr bei einer Lesung meines Buches dabei sein? Die Premiere ist am 19. 9. um 19.00 im 9. Wiener Bezirk in der Buchhandlung Orlando, Liechtensteinstraße 17. Hier geht es zur Anmeldung.

Einen Vorgeschmack auf den Inhalt gebe ich in diesem kurzen Video-Clip.

Viel Vergnügen dabei!

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