Wie ich den Anfängergeist im Weinberg entdeckte

Vor einigen Tagen entdeckte ich unerwartet meinen Anfängergeist zwischen Weinreben. Ich war mit meinem Liebsten aus der Stadt gefahren um das Nebelgrau der Häuser gegen die milde Dezembersonne eines nahen Weinortes einzutauschen.

Wir spazierten durch die abgeernteten Weinberge und entdeckten plötzlich auf einem Zauntor ein verwittertes Blatt Papier; in Plastikfolie geschoben, von Wind und Wetter gebleicht. Darauf stand: Almhütte, Selbstbedienung, jeden Tag geöffnet. Wir drückten das verrostete Tor auf und folgten einem schmalen Pfad, vorbei an einem Tipi-Indianerzelt und einer Lagerfeuerstelle umfasst von Bänken aus aufgeschichteten Steinen und standen schließlich vor einer alten, wackeligen Holzhütte.

 

 

Die Hütte war verschlossen, doch in der Weinlaube davor empfing uns  ein netter, älterer Herr: „Hereinspaziert, wir haben offen!“ Es war zu kalt um uns auf den Bänken niederzulassen und so sahen wir uns um. Von der Decke hingen auf Schnüren abgehängt rohe Holzbretter, auf denen kreuz und quer, einige schief, andere gerade, geschätzte zweihundert Bücher standen. Alles war etwas wackelig und skurril. Eine alte weisse Küchenkredenz  verlieh der Laube die Atmosphäre eines Wohnzimmers der 40iger Jahre, nur eben im Freien, überrankt von Weinreben.  Unser Gastgeber folgte unseren Blicken und meinte:

„Das muss ich Ihnen erklären. … Jeder kann jederzeit die Hüttenlaube besuchen. 365 Tage im Jahr, ob am Tag oder in der Nacht.“ Er öffnete einen grossen Kühlschrank: „Hier finden Sie einen grossen Laib Bergkäse und Würste und Butter. Jeder  kann sich frei daraus nehmen, worauf er Lust hat. Daneben finden Sie in der Truhe biologischen Rot- und Weisswein, ebenso Gläser und eine Kaffeemaschine. Chips und Kekse sind Sie in der Kredenz. Bloß das Brot müssen Sie selber mitbringen. Die Preise hängen an der Wand, das Geld kommt in die Kassa.“ Niemand kontrolliert, der Winzer stellt alles bereit.  Unser Gastgeber, ein Freund des Winzers, verbringt viele Stunden dort oben: „Ich suche mir ein Buch heraus, im Moment lese ich ‚Die Zarin‘, schenke mir ein Achtel Wein ein und genieße es, mitten in den Weinreben zu sitzen. Manchmal kommen zwei alte Frauen herauf, Freundinnen, mit ihrer Thermosflasche und trinken in der Morgensonne Tee.“ Es ist still, fernab vom Trubel der Welt.

Die Aussicht von der Hütte

Die Begegnung mit diesem Ort hat mich berührt und begeistert. Ich hatte ein Schild gesehen, das mich zur Hütte führte und hatte eine Gastwirtschaft mit warmem Essen und Getränken erwartet. Meine 08/15 Erwartung wurde auf extremste Weise nicht erfüllt. Aber ich war nicht enttäuscht, sondern die überraschende Entdeckung ermöglichte, dass ich etwas viel Kostbareres fand.

Einen Ort, der alles bereitstellte was ich brauchte, Essen und Trinken und stille Natur. Einen Winzer, der voll Vertrauen gibt, und sich nicht darum sorgt ob er auch genug bekommt.

Für mich war das viel mehr als die erwartete kuschelige Almhütte je hätte bieten können. Es war als ob ich auf die Probe gestellt worden war. Auf die Probe, ob ich offen genug sei, mich dem was sich eben bietet zu stellen; den „Anfängergeist“ herauszufordern, der imstande ist den Zauber des Moments wahrzunehmen. Ein wertvolles Geschenk an diesem Tag.

P.S. Meinen Wiener Freunden verrate ich gerne, wo sie diese Hütte finden.

3 Kommentare zu “Wie ich den Anfängergeist im Weinberg entdeckte

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