Jahresmotto statt guter Vorsätze

Sechs von zehn Menschen scheitern an ihren Neujahrsvorsätzen. Jahrelang wollte auch ich mich ab 1. Jänner hinauf optimieren. Die guten Vorsätze hielten längstens vierzehn Tage und danach fühlte ich mich schlecht. Eine Stimme flüsterte innerlich: „Wieder eine Niederlage. Du schaffst es nie mit Deinen Neujahrsvorsätzen.“ Da fiel mir auf, dass Vorsätze zu fassen bedeutete : „Du bist nicht gut genug, Du musst dies und jenes verbessern“. Das fühlte sich gar nicht gut an. Buddhistisch betrachtet erzeugt etwas zu wollen und dann nicht zu erreichen Leid. Das trifft vor allem auf die frommen Wünsche im Jänner zu. Also verwarf ich das mit den guten Vorsätzen. Im folgenden Jahr hatte ich nur mehr einen einzigen Vorsatz, nämlich keine Vorsätze zu fassen. So ersparte ich mir wenigstens das schlechte Gewissen. Jetzt ist wieder Jänner und ich denke über das kommende Jahr nach.

Im letzten Jahr hatte sich nach und nach innerlich ein Motto geformt, das ich in meinem Buch „Innehalten“ beschrieben habe. Es heißt: ‚Alles was ich brauche habe ich schon‘. Diese Richtschnur bewährte sich oftmals, deshalb wähle ich dieses Motto für das Jahr 2018.

Für mich bedeutet es:

  • Keine neuen Sachen. In meinen Räumen lagern Schätze, die ich gehortet habe und schon lange nicht mehr würdige. Zum Beispiel:
    • Mein Schrank ist voll mit angefangenen Teepackungen. Ich werde keinen neuen Tee kaufen, sondern die alten Teesorten durchkosten und aufbrauchen. Damit schaffe ich gleichzeitig mehr Platz.
    • Bücher: Ich kaufe (möglichst) keine neuen Bücher . Vor kurzem überlegte ich, wie ich meinen Schreibstil verbessern kann. Sofort regte sich der Impuls, ein „How-to“-Buch ‚Wege zum guten Stil‘ zu kaufen. Dann erinnerte ich mich der zahllosen guten Romane in meiner Bibliothek und holte ‚Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ von Rainer Maria Rilke aus dem Regal. Es liegt nun in der Küche und jeden Tag lese ich einige Sätze und lasse mich von seinem Stil inspirieren. Zwei Minuten Rilke lehren mich mehr als so manches Schreibstil-Lehrbuch.
    • Das gilt auch für den Computer. Die angebotenen Gratis-Webinare lasse ich bleiben. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Dokumente downgeloaded und für später gespeichert. Dieses Jahr ist Zeit, alle diese Dokumente zu sichten, auszuwerten und zu löschen.
  • Fähigkeiten ausbauen. Im Laufe eines Lebens haben wir schon viel gelernt. Ob es Verhandlungstechniken sind, Rhetorik, Zeichnen oder eine Fertigkeit auf dem Computer. Oft ist es sinnvoller, Begonnenes zu vertiefen als Neues auszuprobieren. Für mich bedeutet es:
    • Ich lerne keine neue Sprache sondern perfektioniere jene Sprachen, die ich schon weitgehend beherrsche. Auf einer App übe ich täglich einige japanische Sätze und nehme so oft wie möglich japanische Bücher zur Hand zu nehmen und lese ein, zwei Seiten.
    • Genauso halte ich es mit meinem Musikinstrument; d.h. kein neues Instrument lernen, sondern mehr üben. Mein Klavier wartet. 🙂
  • Freundschaften pflegen. Mein Augenmerk liegt nicht darauf, neue Menschen kennenzulernen, sondern die vorhandenen Freundschaften zu vertiefen. Ich werde öfters mal eine Freundin anrufen, nur so, um zu fragen wie es ihr geht. Freut Euch, freut Euch!
  • Vorhandenes verbessern. Für manche mag es heißen: Vorhandene Kunden besser betreuen.  Für mich sind es Seminare. Ich nehme keine neuen Termine für Seminare dazu, sondern arbeite daran, die bereits geplanten noch gehaltvoller und differenzierter zu machen.

Was bringt dieses Jahresmotto?

  1. Bei mir bleiben. ‚Alles was ich brauche habe ich schon‘ führt den Blick zu mir selbst zurück. Ich hechle nicht etwas nach, das ausserhalb von mir ist. So wie ich bin, ist es gut. Das macht mich zufriedener und erhöht die Wertschätzung gegenüber den Dingen, die ich bereits besitze.
  2. In die Tiefe statt in die Breite. Das Motto bringt mich dazu, in die Tiefe zu denken statt in die Breite. Neues erscheint uns oft reizvoll, doch viel wertvolle Zeit kann verloren gehen, Neues aufzunehmen, zu bewerten und auszusortieren. Ich ziehe meine Antennen ein und fokussiere mich auf die wichtigen Dinge. Dadurch erhöhe ich die Qualität.
  3. Neues im Vorhandenen entdecken. Nicht alles was als neu und sensationell propagiert wird, ist besser. Wir haben in der Vergangenheit bereits eine Wahl getroffen und diese Wahl hat meistens gut zu uns gepasst. Wir hatten aus vielen Möglichkeiten Bücher, Projekte oder Kleider ausgewählt, weil wir die Farbe, den Geruch mögen oder weil sie uns inspiriert haben. Das war kein Zufall. Manches mag mit einer Lebensphase verblasst sein und ist vorbei. Anderes jedoch wartet darauf, wieder entdeckt zu werden.

Diese Beispiele klingen oberflächlich betrachtet wie Vorsätze. Ein Motto ist jedoch etwas anderes. Ein Motto ist ein Leitstern, dem ich folgen kann. Wie ein Stern beleuchtet es meinen Weg und zeigt mir die Richtung. Manchmal werde ich vom Weg abkommen und das Motto vergessen. Doch dann bin ich nicht schwach und breche keine Vorsätze. Ich habe nur kurzzeitig meinen Stern aus den Augen gelassen. Damit kann ich gut leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

18 Kommentare zu “Jahresmotto statt guter Vorsätze

  1. Bitte melde dich, wenn du nach Stuttgart kommst – darauf freue ich mich wirklich 😊
    Und gerne kannst du mein damaliges Testimonial verwenden….
    Frohes Schaffen für Dich am Bearbeiten und für mich am Nutzen deiner Erstausgabe
    Herzlichst
    Camilla

    • Liebe Camilla, Danke! Die Überarbeitung habe ich schon abgeschlossen. Jetzt kümmert sich mein COE (Chief Officer of Everything) darum. Mein Verlag will von mir ein weiteres Buch und das starte ich jetzt, es wird also wieder ein Schreibjahr und ein Buchjahr. Wenn ich nach Stuttgart kommen, melde ich mich. LG Fleur

  2. Interessanter Ansatz, ich denke auch dass es wichtig ist nicht mehr zu wollen als man braucht/hat. Aber ebenso glaube ich auch dass dieses Jahres-Motto ebenfalls eine Art Vorsatz ist. Und ist es daher nicht das Wichtigste nicht an dem Motto oder Vorsatz zu hängen damit das Leiden nicht zu prominent wird? Danke für den Post.

    • Lieber Olaf, Ja die Grenze zu ziehen ist nicht einfach. Zum Beispiel ein Vorsatz wäre: Jeden Tag laufen zu gehen. Ein Jahresmotto wäre Bewegung statt Fernsehen. Da ist ja doch ein Unterschied, oder? Das Motto ist sanfter, nicht zielorientiert. Was Du sagst stimmt: besonders wichtig bei beiden ist es, sich nicht daran zu klammern. LG

  3. Sorry, ich war einfach nicht durchgekommen…..
    Dein Leistern passt perfekt für mich:
    Statt Neues anzuschaffen, habe ich zum Beispiel Dein Buch aus dem Bücherregal gezogen „der souveräne Vortrag“ – und bin noch immer begeistert und inspiriert und bereite mich damit auf neue Vorträge vor!
    Ganz liebe Grüße aus Stuttgart
    Camilla

    • Liebe Camilla, das ist ja eine interessante Fügung! Danke für diesen Beitrag und dass Du mein Buch noch immer verwendest! Mein altes Vortragsbuch ist gerade im Bearbeiten und kommt jetzt als 2. Auflage heraus. Da habe ich Deinen Namen gelesen, da ich mir erlaubt habe, die damaligen Testimonials in das Buch zu integrieren. Ich hoffe, das passt für Dich? Ganz herzlichen Gruß, vielleicht komme ich ja bald nach Stuttgart, Fleur

  4. Liebe Fleur ,
    wie wunderbar !
    Gerne lasse ich mich von deinen Zeilen inspirieren 😊
    Ein Motto für das Jahr – damit kann ich sicher zufrieden leben und folge dem 🌟!
    Beste Grüße
    Bärbel

    • Danke Christian für Deine Rückmeldung. Ich freue mich, dass sie Dich inspiriert haben.
      Schreiben heißt immer präziser denken. Deshalb war es für mich ebenso inspirierend, diesen Blog zu schreiben. LG Fleur

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