Was der Goldene Wind schenkt

Dieser Tage ging ich im Herbstwald spazieren. Die Sonne leuchtete durch die Blätter und zeichnete ein tanzendes Bild aus Gold, Ocker und Blassgrün.
Da kam mir die Episode des Zen-Meisters Ummon (9. Jh.) in den Sinn.

Ein Mönch fragte Ummon: „Was ist das für eine Zeit, in der sich die Bäume verfärben und die Blätter fallen?“ Ummon antwortete: „Der goldene Wind offenbart sein wahres Wesen“.

Dieser Satz beschäftigt mich Jahr für Jahr zu dieser Jahreszeit. Wenn ich mir den Weg durch das raschelnde Herbstlaub bahne und die verfärbten Blätter in der Luft Pirouetten drehen, kreist die Frage in meinem Kopf:“ Was offenbart mir der goldene Wind?“

Würden im Leben wichtige Dinge wegfallen… Wenn ich alle Titel, Funktionen oder den Job verlöre, wenn ich plötzlich obdachlos wäre oder wenn ein naher Mensch sterben würde: Was ist das Wesentliche, das sich offenbart?

Auch wenn ich im Moment in keiner Krise stecke, erinnert mich der Goldene Wind an die Verletzlichkeit des Lebens. Nie ist Vollendung und gleichzeitig Veränderung so spürbar wie in diesen Tagen.

Wie der Wind die goldenen Blätter von den Ästen weht, habe auch ich hunderte Dinge in den vergangenen Monaten losgelassen. Anderen Menschen ging es ebenso. Sie schrieben mir ihre Erfahrungen. Danke dafür. Es war eine anstrengende Zeit. Seit dem Frühjahr nahm ich jede Vase, Gabel, Buch und Pullover in die Hand und entschied: Lasse ich es los, oder brauche ich es?

Der goldene Wind wehte durch meine Kästen, Regale und Keller und offenbarte Gefühle und Geschichten, die an jedem Ding hängen. Wie lange liegen sie schon an ihrem Platz und wo? Ich betrachtete sie mit neuem Blick. Die Weste, die mir meine Mutter vor 25 Jahren gestrickt hatte war im Orkus meines Kleiderschranks lange verschwunden. Ich hatte ein gespaltenes Verhältnis zu ihr. Meine Mutter strickte gerne, doch ihre Geschenke empfand ich oft als Überfall. Jetzt sehe ich es anders. Die Weste liegt vorne im Schrank griffbereit als Zeugnis ihrer Liebe, die ich jetzt bereit bin, anzunehmen. Sie ist auch schön, noch immer. So bin ich froh, vieles „begriffen“ zu haben. Die Wertschätzung für das, was ich behalten habe, ist mir als kostbares Geschenk dieser Zeit geblieben. So gehe ich froh durch die herbstlichen Wälder und lächle den Goldenen Wind an. Ja, diesmal war es ein gutes Jahr.

4 Kommentare zu “Was der Goldene Wind schenkt

  1. So schöne Gedanken und so trefflich beschriebene Gefühle bzw. gefühltes und erkanntes…. Danke fürs Teilen. Sehr inspirierend – deine Worte und nun auch der goldene Wind. Schön dass ich Anteil habe.

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