Das Geschenk annehmen

Mein heutiges Geschenk

Mein heutiges Geschenk

„Drei Tage lang haben wir nur Eier gegessen!“ erzählte mir ein Freund, der vor kurzem in einem japanischen Zen-Ausbildungskloster als Mönch gelebt hatte. Zen-Mönche leben nur von Spenden. Nichts wird dazu eingekauft. Gegessen wird das, was Bauern und Kaufleute dem Tempel bringen. Die besagten Eier, die sie drei Tage lang aßen, waren einem Eierhändler am Markt übrig geblieben und er hätte sie nicht mehr verkaufen können. Also spendete er eine Palette Eier den Mönchen. Eier zum Frühstück, Eier zu Mittag, Eier zum Abendessen. Sonst gab es nichts.

Einen anderen Tag brachte ihnen ein Koch ziemlich viele Sushi in das Kloster. Beim Catering am Vorabend waren nicht so viele Gäste gekommen wie gedacht. Zuerst waren die Mönche hocherfreut. Die ersten Sushi mundeten wunderbar, denn er war ein sehr guter Sushi-Koch. Nur mussten sie zu sechst die Portionen von 18 Gästen essen. Und es musste aufgegessen werden. In einem Zen-Kloster wird nichts weggeworfen. Sie waren so pappsatt, dass sie sich hätten rollen können.

Dieses Gespräch fiel mir gestern ein, als ich auf allen vieren unter meinen Kriecherl-Bäumen umherkroch. Kriecherl sind das richtige Wort, denn ich muss „herumkriechen“ um sie aufzusammeln. Ich hatte schon Muskelkater und eine wehe Wirbelsäule. Die Kriecherl werden auch Mirabellen oder Kirschpflaumen genannt und schmecken als Marmelade oder Kompott herrlich. Ich habe in meinem kleinen Garten gleich fünf solcher Bäume und jetzt ist Erntezeit. Gelbe, rote, feste, weiche, ganz verschiedene Sorten.

„Warum tue ich mir das an?“, das fragte ich mich gestern. Jeden Tag morgens, mittags und abends drei bis vier Töpfe einsammeln, waschen, Gläser sterilisieren, entsaften oder einkochen, Kerne heraussuchen, einfüllen, beschriften. Gestern stand ich fünf(!) Stunden lang in der Küche. Letztes Jahr war es ebenso gewesen. Und ich hatte viel zu viel eingekocht und habe schließlich 40 Gläser an die Foodsharing Initiative gespendet. Also warum tue ich mir das an? Es wäre doch viel einfacher, Marmelade im Supermarkt zu kaufen.

Eine innere Stimme sagte dann: „Es ist ein Wunder. Jedes Jahr wachsen Früchte, weil sie von Sonnenschein und Regen genährt werden und es Bienen gibt, die tausende Blüten bestäuben. Wieviel muss zusammenspielen, dass diese köstlichen Früchte in meinem Garten wachsen! Es ist ein Geschenk. Also nimm es an.“

Geschenke werden oft angeboten und wir erkennen sie nicht einmal. Jahrelang hatte ich nicht einmal gewusst, dass man diese Früchte essen kann. Eines Tages probierte ich sie einfach und seitdem koche ich die Früchte ein.

Die Eier und Sushi essenden Zen-Mönche werden jeden Tag erinnert, dass ihr Essen ein Geschenk ist.

Geschenke liegen auf unserem Weg, jeden Tag. Nur wenn wir genauer schauen, erkennen wir sie.

In meinem Kalender steht, dass heute der Tag der Serendipität ist. Zur Erinnerung: Serendipität ist, wenn man etwas sucht und stattdessen etwas Anderes, viel Wertvolleres findet. Ich hatte Kriecherln gesucht und habe dabei dankbare Gefühle und ein Geschenk gefunden. Ein Geschenk, das ich heute wiederum annehme… Aua!

 

3 Kommentare zu “Das Geschenk annehmen

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