Das Geschenk annehmen

„Drei Tage lang haben wir nur Eier gegessen!“ erzählte mir ein Freund, der vor kurzem in einem japanischen Zen-Ausbildungskloster als Mönch gelebt hatte. Zen-Mönche leben nur von Spenden. Nichts wird dazu eingekauft. Gegessen wird das, was Bauern und Kaufleute dem … Weiterlesen

Gelebte Achtsamkeit

SchmetterlingOft sind es Kleinigkeiten, die überraschen und nachdenklich machen. Vor einiger Zeit mussten wir unser Zendo wegen Umbauarbeiten in eine Ausweichwohnung umsiedeln. Sie war abgewohnt, weil sie davor als WG benützt worden war. Wir brachten sie zwar mit großem Putzeifer auf Hochglanz. Dort und da blieben Sticker an den Türen und – vor allem – viele Löcher in den Wänden. Kein schöner Anblick, aber wir dachten alle, es sei ja nur für kurze Zeit.

Karte

Eine Woche nach dem Umzug kam ich ins Zendo und – es hatte sich etwas verändert. Ein kleiner Schmetterling klebte auf der Wand, genau dort, wo vorher ein Riesenloch gewesen war. Über die schwarzen Aufkleber hatte jemand  hübsche Karten mit japanischen Mustern geklebt. Niemand wusste, wer es gewesen war, ein Zen-Heinzelmännchen hatte unseren Meditationsort verschönert.


Im Zen lernt man viel  durch Wahrnehmen und Beobachten. Jedes Mal wenn ich in das Zendo komme, erfreue ich mich an dieser kleinen Verschönerungsgeste. Ein Fingerzeig für mich, mich darum zu kümmern, Orte aufmerksamer zu verlassen.  Natürlich sind wir alle so erzogen, den Status quo herzustellen, den wir vorgefunden haben. Z.B. in einem Cafe die Sessel  hineinrücken beim Weggehen oder im Selbstbedienungsrestaurant das Tablett wieder zurückzutragen.

Wie viel schöner ist die Idee, einen Ort besser zu verlassen als wir ihn vorgefunden haben! Betätigungsfelder gibt es viele! Öffentliche Toiletten ;-), Kaffeehäuser, Wanderwege, der Gehsteig, das Führerscheinamt, ein Hörsaal. Wir nehmen wahr und wir verändern den Ort zum Guten. Eine kleine Geste der gelebten Achtsamkeit, eigentlich nicht viel. Und doch kann es der Höhepunkt unseres Tages sein.

Putzen: Katharsische Zen-Praxis

Yippii, ich freue mich sehr, dass sich für das morgige Putzen im Zendo 5 (fünf!) Leute gemeldet haben! Warum, das lest Ihr hier.

Fleur in Japan 1978

Leben auf 10 m2

Fleur-Küche 1978

Der Herd am Gang

Vor vielen Jahren, als ich in Japan studierte, bewohnte ich ein sechs Tatami-Zimmer mit Kochplatte im Gang. Kein Badezimmer. Sechs Tatami, das sind ca. 10 m2. Im Vergleich zu anderen meiner Freunde, die nur 5 m2 zur Verfügung hatten (3 Tatami) , war das üppig. Es passte ein kleiner Tisch, zwei Kissen am Boden und ein Regal hinein. Das Futon zum Schlafen holte ich am Abend heraus und verstaute es am Morgen wieder im Kasten. Ich hatte alles was ich brauchte. Da der Platz sehr begrenzt war,  machte ich  auch jeden Tag sauber. Heute wohne ich auf viel mehr Quadratmetern. Das ist auch schön. Ich habe ein Klavier, auf dem ich spielen kann, ein Büro mit vielen Fachbüchern, eine große Küche. Und dennoch…

Die alten Zen-Meister hatten ihren Meditationsplatz im Kloster oder eine winzige Einzimmerhütte am Berg. Es war selbstverständlich, dass sie dieses Zimmer jeden Tag (!) reinigten und ihre wenigen Siebensachen selber instand hielten. Es war für sie ein Teil ihrer täglichen Meditationspraxis.

Ein solcher Aufwand jeden Tag ist für die meisten Menschen heute gar nicht möglich. Zu große Wohnungen, zu wenig Zeit. Viele Jahre lang beschäftigte ich auch Haushaltshilfen, die es mir ermöglichten, meine Familie, Karriere und meine Wohnung irgendwie unter einen Hut zu bringen. Seit fünf Jahren ist mein Leben nicht mehr so kompliziert. Und seither übernehme ich selbst Verantwortung für die Dinge, die ich besitze. Es gelingt mir noch immer nicht vollständig, aber es wird besser. Drei Faktoren scheinen mir einen Einfluss zu haben.

1. Ich merke, dass sich die Beziehung zu den Räumen und den Dingen darin ändert, wenn ich für sie sorge. Jedesmal wenn ich einen Raum reinige, Bücher in die Hand nehme, Regale abstaube, entsteht in mir ein Gefühl, dass sie versorgt sind. Es ist ein körperliches und geistiges Gefühl des Wohlbefindens. Ich stelle eine Verbindung zu den Dingen her, ich fühle mich aufgehoben.

2. Die Aufmerksamkeit bei dieser Tätigkeit verhindert, dass mein Kopf ganz woanders ist, während ich arbeite. Körper und Geist spielen zusammen. Ich komme in den Moment.

3. So wie mein Körper die Räume reinigt, so wirkt es sich auch auf den Geist katharsisch aus.

Auch in unserem Zen-Zentrum muss regelmäßig geputzt werden. Neulinge, die noch nicht lange meditieren, fragen häufig, warum wir keine Putzfrau beschäftigen. Alte Zen-Hasen merken aber die Auswirkung auf sich selber. Und auch der Raum hat sich für sie verändert, wenn sie den Boden gewaschen oder die Tatamis gelüftet haben: „ Ich freue mich über die Sauberkeit hier und es hat in mir auch etwas bewirkt, ich fühle mich innerlich wie frisch geduscht,“ sagte eine Zen-Putzerin.

Und jetzt wisst Ihr, warum ich mich so gefreut habe, dass fünf Menschen morgen in das Zen-Zentrum putzen kommen. Es zeigt nicht nur, dass so viele die Verantwortung für die gemeinschaftlichen Räume übernehmen, nein, es zeigt auch, dass sie verstanden haben, dass Zen nicht nur auf der Matte, sondern im täglichen Leben stattfindet.