Staub weg – Geist rein

Vergangenen Sonntag morgen sitze ich mit meiner Tasse Tee am Frühstückstisch. Plötzlich bemerke ich durch die Büsche am Zaun eine Bewegung, jemand geht mal nach links, mal nach rechts. Beim näheren Hinsehen bemerke ich einen jungen Mann, der mit Hingabe sein Auto poliert. Das ist etwas Seltenes, denn Wasch-und Polieranlagen erledigen das heutzutage günstig und schnell. Nach einer Viertelstunde sehe ich noch immer Bewegung, da werde ich doch neugierig und gehe ins Freie. Der junge Mann haucht den roten Lack an und fährt mit einem Tuch und einer Paste immer wieder über die Politur. Vor einem Jahr habe er den Lack falsch geputzt und da wäre er stellenweise stumpf geworden, erzählt er mir und fährt immer wieder über die gleichen Stellen. Nach einer Stunde sehe ich zufällig, wie seine Freundin ihm ein Jausenbrot bringt und sie beide stolz vor dem funkelnden roten Auto stehen. Welche Freude strahlt aus ihren Blicken! Putzen ist nicht nur lästig, es kann mehr.

Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr kümmere ich mich selbst um die Ordnung und Sauberkeit in unserem Haus. Meine sogenannte Perle habe ich nach Hause geschickt und das Putzen als spezielle Übung für mich entdeckt. Ich putze nicht alleine, mein Mann ist auch dabei. Putztechnisch sind wir also autark geworden. Jeden Tag reinige ich ein Zimmer oder ein Möbelstück und putze es ganz gründlich. Das hat Auswirkungen – viel mehr als ich je gedacht hatte. Hier einige Gedanken dazu:

Verbindung
Ich verbinde mich dadurch mit den Dingen. Indem ich sie in die Hand nehme und sie betreue oder pflege, werden sie wie ein Teil von mir. Wenn ich sie angreife, dann ist sie nicht mehr nur eine Schale, die nichts mit mir zu tun hat. Ich wische sie ab und schenke ihr dadurch Aufmerksamkeit und Respekt. Alles, was ich berühre, ziehe ich in meinen Einflusskreis, ob es kleine Dinge sind wie Gläser oder Schatullen oder große, wie ein Schreibtisch oder eine Arbeitsfläche. Wahrscheinlich hinterlasse ich tatsächlich eine Spur von DNA auf diesen Dingen. Durch meine Berührung werden sie – wie von einem Zauberstab berührt – Teil meines erweiterten Ichs. Es ist als ob ich meine Katze streichelte. Auch sie ist zwar außerhalb von mir, aber doch Teil meiner Familie. Die Gegenstände, die ich berühre, ziehe ich in meinen „Familienkreis“ hinein. Das fühlt sich gut und richtig an. So tue ich, indem ich die Gegenstände, die zu mir gehören, pflege, mir selbst etwas Gutes.
Jeder hat so seine Lieblinge. Was dem einen sein Auto oder sein Fahrrad, ist dem anderen der Garten und der dritten der Küchenboden. Mein Mann z.B. hat eine besondere Beziehung zu Schuhen. Sein Vater war Schuhmacher und so freut er sich, Schuhe zu putzen. Ich liebe es, ihm dabei zuzusehen, denn sein Gesicht ist so aufmerksam und der Griff, mit dem er den Lappen und die Schuhe hält, so liebevoll. Er besitzt noch immer ein Paar Stiefletten, die sein Vater ihm vor mehr als 50 Jahren angemessen hatte. Da fließt wohl die Erinnerung mit hinein, wie sein Vater Mühe und Zeit in die Herstellung gesteckt hat. So ähnlich empfindet es auch meine Freundin Maria.

Sie hatte sich meinen Podcast über Putzen als spirituelle Praxis in Japan angehört und ebenso das Putzen für sich entdeckt: „Seit Corona putze ich und habe Freude dabei. Freude, weil ich etwas zu putzen habe, ein schönes Haus mit vielen schönen Gegenständen. Wenn ich putze, dann denke ich daran, wie die Dinge zu mir gekommen sind und an die Menschen, mit denen ich dadurch zu tun hatte“. So denkt mein Mann wahrscheinlich beim Schuhe putzen auch an seinen Vater.

Bodenhaftung
Ich spüre mehr. Putzen ist eine gute Möglichkeit, dem dominanten Kopf mal ein Schnippchen zu schlagen und ihm den Vorrang zu entziehen. Putzzeit ist die Zeit zu fühlen. Den Muskelkater zu spüren, wenn ich den schweren Kübel Seifenwasser herumtrage, den Rücken zu strecken, wenn ich zu hohen Kästen hinaufsteige oder die Anstrengung, wenn ich den Boden aufwasche. Das tue ich oft, vor allem in der Küche, nach japanischer Art, indem ich auf den Knien herumrutsche und mit dem Ausreibfetzen in jeden Winkel wische. Das ist anstrengend, aber es tut gut, den Boden zu spüren und die Welt von unten zu sehen. Ein guter Perspektivenwechsel.

Heilung
Ich entdecke Kaputtes, das ich dann auch gleich repariere. Einen gebrochenen Löffel wieder zu kleben und heil zu machen, fühlt sich an, als ob ich ein Wesen heilen würde. Ein Kleidungsstück, an dem ein Knopf fehlt. Ein Sessel, der beschädigt ist. Freude am „Heilmachen“ hatte wohl auch der junge Mann gespürt, der seine Autopolitur ausgebessert hatte.

Übersicht
Ich entdecke vieles, das ich schon längst vergessen habe. Fünf Zeckenabwehröle, 4 Fleckputzmittel, 20 Vasen. Von denen hatte ich immer nur diejenige benutzt, die ganz vorne im Kasten stand. Wenn man bei jedem Reinigen 20 Vasen herumschieben muss, überlegt man sich, ob man wirklich so viele braucht, oder ob es nur Entscheidungsschwäche ist, dass man sie noch hat. Eine Putzfrau hätte die Vasen zwar geordnet, aber ich hätte jahrelang keinen Blick darauf geworfen. So habe ich viel mehr Übersicht über das, was mir zur Verfügung steht.

Freude
Nach getaner Arbeit freue ich mich. So wie der junge Mann stolz seiner Freundin sein blitzblankes, poliertes Auto zeigt, wie mein Mann die Schuhe liebevoll betrachtet, so fühle ich mich heiter, richtig „aufgeräumt“. Das Chaos im Kopf hat sich geordnet, etwas ist klarer geworden. Und innerlich bin ich auch etwas heiler geworden. Putzen ist nicht immer schön und oft ist es eine lästige Pflicht. Trotzdem schätze ich diese Zeit, denn sie bringt mich mir selber näher. Und schließlich stimmt die weise Erkenntnis: Was Mühe macht, das schätzt man auch.

2 Kommentare zu “Staub weg – Geist rein

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