„Sitzen“ auf Reisen

Haben Sie auch schon verzweifelt in Hotelzimmern nach „besitzbaren“ Unterlagen gesucht, jenseits der weichen Federkissen? Zu Hause sind wir „eingerichtet“ mit einem Meditationsplatz, einem Bänkchen und mit allem was uns lieb und teuer für unser Zazen ist.

Auf Reisen wird es erheblich schwieriger, denn nur wenige Hotels bieten Meditationsplätze in ihren Zimmern an (Ausnahme die Hundertwassertherme Bad Blumau ;-).

Das bedeutet, wir müssen selbst unsere Sitzunterlage mitnehmen. Und hier meine Tipps.

1. Das aufblasbare Meditationskissen Samten. Es ist leicht und hat zwei Kammern, sodass man sowohl im burmesischen Sitz und – höher – im Fersensitz darauf meditieren kann. Es ist auch geeignet, im Rucksack herumzutragen. Nachteil: Bei Schiffsreisen schwankt es zu sehr und ist nicht zu gebrauchen. Im Internet zu finden unter http://www.samten.ch

2. Das T-Bänkchen zum Zusammenstecken. Der mittlere Steg ist nur hineingesteckt und mit Imbusschlüssel leicht an- und abzuschrauben. Das Bänkchen ist etwas schwerer als das Samten (zu schwer für Rucksackreisende), aber im Koffer gut zu transportieren. Es schaut nicht so stabil aus, aber wenn man seine Mitte gefunden hat (sic!), kann man stundenlang darauf sitzen.
Ich habe es mir online besorgt bei http://www.zen-service.de.

 

3. Die Decke im Hotelzimmer. Wenn ich gar nichts mithabe, dann rolle ich die Decke, die meist im Kleiderschrank oben ist, zu einer festen Rolle zusammen und setze mich damit auf das Bett. Ist nicht ideal, aber es geht meist irgendwie.

4. Ein normaler Sessel. Ich war gerade 2 Wochen mit meinem Partner Paul am Schiff unterwegs. Dort haben wir uns kurz vor Sonnenaufgang Klappsessel aus einem der Räume geholt und uns an den Bug des Schiffes gesetzt. Sogar auf den Klappsesseln haben wir wunderbar meditieren können. Der Sonnenaufgang war himmlisch schön.

Wozu verbeugen?

Gassho

Letzte Woche gab es wieder einen Einführungsschnupperkurs im Zendo, so wie jedes Monat. Wie immer erklärte ich ziemlich ausführlich, wie wir uns am Praxisabend verbeugen, zum Platz gehen etc. Ich erkläre, dass die „Form“, wie wir etwas machen, wichtig ist. Am Schluss der Einführung werden dann immer Fragen gestellt, häufig geht es dabei um die Zen-Praxis zu Hause. Einer der Teilnehmer fragte mich: „Machen Sie dieses Ritual (des Verbeugens etc.) auch, wenn Sie zu Hause Zen praktizieren?“. Eine interessante Frage. Zu Hause bin ich alleine, niemand sieht mich.

So bewußt habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht. Aber ja, ich verbeuge mich vor dem Sitzen und – noch viel intensiver und bewußter – nach dem Sitzen. Die erste Verbeugung davor – das ist, um in Stimmung zu kommen. Da bin ich noch in den Gedanken des Tages gefangen. Da ist es noch ein Akt des Willens. Danach – ist es mir ein Bedürfnis. Die Verbeugungen sind Anfang und Abschluss, das Schaffen einer zeitlichen Zäsur. Und doch ist es mehr als das. Zu Beginn begebe ich mich in einen unsichtbaren Zen-Raum, ich begrüsse  ihn. Ich lege die Hände aneinander und schaffe dadurch Konzentriertheit. Am Schluss der Meditation ist es anders. Ich war mitten im Zen-Raum, ich habe ihn mitgestaltet und mitgeschaffen. Da verneige ich mich in ihm und vor ihm und bin ganz einfach dankbar.

 

Die Haltung, nicht das Resultat zählt

Kalligraphie Rieko Mori

Ich habe mich immer gewundert, dass in Japan häufig das Resultat weniger zählt als das Bemühen, das heisst die innere Haltung. Wenn jemand z.B. ein neues Projekt in Angriff nimmt, sagen wir in Europa „viel Erfolg!“, in Japan kann es sein „gambatte kudasai“. Das heisst „Streng Dich an!“.

Zwei verschiedene Kulturen – zwei verschiedene Zugangsweisen. Es ist bereichernd, aus der Perspektive der einen Kultur auf die andere zu sehen.

Wenn man in Japan Kalligrafie lernt, dann gibt es Wettbewerbe. Dabei sieht die Jury nicht darauf, ob die Form der Schrift, d.h. das Resultat gut ist, sondern achtet auf die Pinselführung beim Schreiben. Die Pinselführung offenbart einerseits ob man bei einem guten Lehrer gelernt hat, andererseits zeigt sie aber auch die innere Konzentration und die Haltung. Sie macht sichtbar, ob die Schreibende in ihrer Mitte ist, ihre Körperhaltung stimmig ist. Sie zeigt, ob Gedanken den Fluss des Schreibens stören, oder ob  jede Zelle des Körpers „mitfliesst“.

Chawan – Ausdruck des eigenen Wesens

Die Schönheit einer japanischen Teeschale entsteht aus der Haltung des Keramikers, der die Teeschale geschaffen hat. Ohne angestrengtes Bemühen, eine besondere Schale formen zu wollen, entsteht die Schale aus dem inneren Wesen des Künstlers. Der Mensch und der Prozess sind eins. So verschwindet die Gegenüberstellung „Künstler schafft Kunstobjekt“. Die Bemühung hat vielmehr davor stattgefunden, eben jene Haltung und Einstellung zu erreichen, aus der dann Kunst entsteht.

Wie übt man diese Haltung? Der Königsweg dazu ist Zazen. Zazen ist keine Quickfix-Übung, die man mal an einem Wochenende erlernt. Es dauert lange, Monate, Jahre, Jahrzehnte.

Im „Sitzen“ lernen wir die Einheit von aussen und innen, von Willen und Nichtwillen (nicht immer einfach ;-)) von Erreichenwollen und Absichtslosigkeit. Und tauchen ein in Momente, in denen die Zenübung und wir eins werden und letztlich die Übung verschwindet ebenso wie die handelnde Person. Dann verstehen wir, was die Künstler, die Keramiker und die Kalligraphen damit meinen, dass ihr Werk aus ihrem Wesen, bzw. Nichtwesen entsteht.

Ich wende mich jetzt einer ganz anderen Ebene zu und frage mich, hat das eine Parallele  im alltäglichen Arbeitsleben?  Zählt für uns nur das Endresultat oder achten wir auch darauf, wie wir dieses Resultat erreichen?  Nehmen wir mal unseren Arbeitsplatz her. Offenbart er unsere innere Einstellung zur Arbeit? Ist er so übersichtlich, dass wir alles sofort finden oder türmen sich die Papiere in einem Sauhaufen übereinander? Der Sommer ist eine gute Zeit, Dinge abzuschliessen und wieder Klarheit in unsere Arbeitsumgebung zu bringen. Ich habe heute jedes Stück und jedes Papier auf meinem Schreibtisch in die Hand genommen und mich gefragt, ob ich es wirklich brauche. Jetzt fühle ich mich viel klarer und bereit, wieder Neues in Angriff zu nehmen. Meine innere Haltung zur Arbeit hat sich verändert. Ob ich es jemals schaffe, meinen Arbeitsplatz so zu vereinfachen wie meinen Zazen-Platz? Ich glaube nicht. Aber doch mache ich mich auf den Weg…

Buchempfehlung

Übrigens wer sich für ein gutes Buch zum Thema asiatische Keramik und ihren Bezug zu Zen interessiert: hier der Titel (leider schon vergriffen): Soetsu Yanagi: Die Schönheit der einfachen Dinge. Mingei – Japanische Einsichten in die verborgenen Kräfte der Harmonie.

5 Schritte zum täglichen Sitzen

 

Nobody is perfect

Ein mögliches Zen Szenario:

Lisbeth kommt in die Zen Schnupperstunde. Es gefällt ihr sehr und sie kommt auch gleich den Montag darauf zum Meditationsabend. Es ist nicht so einfach für sie, der Rücken tut ein bisschen weh, aber sie ist noch immer sehr begeistert und nimmt sich auch vor, jeden Morgen 20 Minuten zu Hause zu meditieren. Sie richtet sich ihren Meditationsplatz her und freut sich, ab jetzt jeden Tag etwas für ihr inneres Gleichgewicht zu tun.

Sie sitzt am Dienstag, sie sitzt am Mittwoch, am Donnerstag und am Freitag, immer um 6.30. Freitag Abend geht sie mit ihren Freunden in das Pub nebenan und trinkt  ein, zwei Bier. Es ist lustig, alle unterhalten sich gut und sie bleibt länger als geplant. „Macht nichts“, denkt sie sich, „ich kann ja morgen ausschlafen, meditiere ich eben später“. Am Samstag morgen ist es so schön im Bett. Sie bleibt noch ein bisschen liegen. 6.30 ist schon längst vorbei und daher auch der Zeitpunkt zu meditieren. Irgendwie hat sie keine Lust, sich am Wochenende auch noch Disziplin aufzuerlegen, sie möchte in Ruhe frühstücken und verschiebt das Meditieren auf später. Schließlich verliert sie  die Meditation aus den Augen, sie läßt den Samstag aus. Am Sonntag spielt sich das Gleiche ab.

Am Montag denkt sie beim Aufstehen gar nicht mehr recht daran. „Am Abend gehe ich eh ins Zendo“ denkt sie sich. Am Nachmittag bekommt sie einen Berg Arbeit auf den Schreibtisch, dringende Terminarbeiten, die müssen erledigt werden. Der Montag Abend ist Arbeit, nicht Zen. Und so wird der Vorsatz, täglich zu meditieren langsam schwächer. Die Abende im Zendo werden weniger, irgendwann macht es keinen Sinn mehr, weil man eh nicht dazu kommt.

Gibt es eine Möglichkeit, an einer neuen Gewohnheit dran zu bleiben? Es ist nicht einfach, weil unser Leben meistens ohnedies voll gepackt ist.

Folgende 5 Schritte können Ihnen helfen, Zen als neue Gewohnheit in Ihr Leben einzubauen.

  • Schritt 1: Verbinden Sie Ihre neue Gewohnheit mit etwas, das fest zu Ihrer täglichen Routine gehört. Suchen Sie sich einen Trigger und setzen Sie Ihre neue Gewohnheit davor an. Ich trinke z.B. grünen Tee am Morgen. Ich mache Wasser heiss, fülle es in eine Thermoskanne und richte meine kleine Teekanne und eine Schale her. Das stelle ich zu meinem Meditationssitz. Ich meditiere und erst DANACH trinke ich den Tee. Ich bleibe auf meinem Meditationsplatz und geniesse den Tee dort in der Stille.
  • Schritt 2: Eine visuelle Erinnerung. Stellen Sie sich zum Bett etwas, das Sie an Zen erinnert. Es kann eine Buddhastatue sein oder ein kleines Post-it mit „Zen“ darauf.
  • Schritt 3: Fangen Sie klein an. Beginnen Sie nicht gleich mit 20 Minuten. Das verändert Ihre Routine zu drastisch. Beginnen Sie mit 5 Minuten, am nächsten Tag mit 6 Minuten und bleiben Sie eine Woche lang bei 10 Minuten, bevor Sie die Zeitspanne weiter ausdehnen. Nehmen Sie sich vor,  vier Wochen lang jede Woche zum Zen Abend zu kommen, nicht länger. Entscheiden Sie nach 4 Wochen, ob Sie weitertun wollen.
  • Schritt 4: Geniessen Sie das Sitzen. Bleiben Sie noch 2 Minuten einfach so sitzen und spüren Sie nach, wie Sie sich fühlen.
  • Schritt 5: Machen Sie sichtbar, dass die neue Gewohnheit Fuß fasst. Machen Sie sich z.B. jeden Tag, wenn Sie gesessen sind, ein X in den Kalender oder die Anzahl der Minuten, die Sie gesessen sind.

Und nun viel Glück!

Musik als Meditation

Gestern war ich im (klassischen) Konzert. Die Situation ist ähnlich wie beim Meditieren. Alle sitzen in Stille. Es gelten bestimmte Regeln, damit die gemeinsame „Musik-Meditation“ nicht gestört wird: keine Handys, nicht reden, nichts schreiben, möglichst ruhig sitzen, damit die Nachbarn nicht gestört werden.

Als Kind in einer Musikerfamilie wurde ich oft ins Konzert gesetzt und wußte nicht so recht, was ich da tun solle. Ich saß herum und hing meinen Gedanken nach. Möglicherweise geht es nicht nur Kindern, sondern auch vielen Erwachsenen so.

Es mag nicht nur die Musik sein, nach der sie verlangen. Sondern sie suchen möglicherweise einen Ort, wo Stille herrscht und sie geniessen das Konzert als einen Zwischenraum zwischen den Aktionswirbeln des Lebens. Im Konzert herrschen Rahmenbedingungen, wo das Checken von E-mails einfach nicht möglich ist. Dort kann der Geist zur Ruhe kommen.

Was heisst nun Musikhören? Viele Jahre war es für mich großteils Dösen mit Hintergrundmusik.

Doch  Musikhören kann auch Meditation sein.

Das ist gar nicht so einfach. Denn selbst wenn wir meinen, zuzuhören, stehlen sich die Gedanken herein. Regelmäßig Meditierende kennen das. Wir hören zu und driften ab.  Wir hören wieder zu und driften nochmals ab. Immer wieder schieben sich Gedankenketten dazwischen.

  • Versuchen Sie, konzentriert dem Musikbogen zu folgen, d.h. die Melodie als Meditationsobjekt zu nehmen, an die Sie den Geist festbinden. Eine sehr interessante Übung. Was passiert?
  • Eine zweite und sehr unterschiedliche Möglichkeit die Musik aufzunehmen, ist, indem Sie mit dem Herzen atmen. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihr Herz und stellen Sie sich vor, mit dem Herzen zu atmen. Mit dem Atem nehmen Sie die Musik auf und schwingen sich auf die Musik ein. Auch da: bleiben Sie konzentriert an dieser Übung dran. Und achten Sie darauf was passiert!

Probieren Sie unterschiedliche Musikstile und Werke verschiedener Komponisten durch. Wo eignet sich die Geist-Übung, wo die Herz-Übung? Wo fliessen sie ineinander? Und wie fühlen Sie sich danach?

Von der Zeit benutzt

Fühlen wir uns nicht oft  getrieben von unseren Terminen und meinen, zu wenig Zeit zu haben?  Wir drehen ein Rädchen dort, und eine Schraube da. Wir möchten/müssen dies und jenes tun, die Zeit reicht aber einfach nicht. Gleichzeitig meinen wir, wir könnten auf nichts, was wir in unser Leben hineingepackt haben, verzichten.

Im Zen heisst es, wenn Du Zeit hast, sitze eine halbe Stunde. Wenn Du keine Zeit hast, eine ganze Stunde.
Dieser Satz scheint absurd zu sein. Noch mehr meditieren, wenn wir ohnehin zeitknapp sind?  Ja. Denn dann sehen wir klarer, was wirklich wichtig ist im Leben. Die Gewichtung der Dinge verändert sich. Probieren Sie es aus!

 

Joshu Jushin (778-897), einer der wichtigsten Zen-Meister der Tang-Zeit (618-907) hat gesagt:

„Bevor ich wusste, dass ich selbst der Weg bin, wurde ich von der Zeit benutzt. Als ich aber verstand,    dass der Weg nichts anderes als mein eigenes Selbst ist, wurde ich nicht mehr von der Zeit benutzt.  Nun lebe ich, indem ich die Zeit gebrauche.“

Zen in der lauten Welt

Zen-Praxis braucht vordergründig Stille. Die Stille und der geordnete Ablauf in Zen-Klöstern und in intensiven Übungsperioden (Sesshin – 1 Woche, Kessei – 3 Monate) ) sind der ideale Nährboden, um die eigene  Zen-Übung zu vertiefen. Intensive Zen-Praxis über viele Stunden sind eine besondere Erfahrung und ein Geschenk. Nur: wer will sein ganzes Leben im Kloster verbringen? Oder im Permanent-Sesshin?

Nach den Übungsperioden kehren wir in die Welt zurück.  Manches Mal empfinden wir den Bruch sehr stark, nach einer Woche stiller Zen-Übung wieder in die lauten Bahnhofshallen und ins Bürotreiben zurückzukehren.

Auch im Alltag meditieren wir täglich, oft am Morgen. Und dann beginnt der Wahnsinn, auf den Strassen und in den U-Bahnen, in den Meetingräumen und in den Supermärkten. Die innere Stille bleibt zwar in gewisser Weise, aber oft fürchten wir sie zu verlieren. Die Welt nimmt uns gefangen, und es erscheint uns schwer immer wieder, jeden Tag in die Stille zurückzukehren.

Ta-Hui (1089-1163)

Der chinesische Zen-Meister Ta-Hui (jap. Daiei,1089-1163) hat schon vor beinahe 1000 Jahren über diese Problematik nachgedacht. Er schreibt an einen seiner Schüler, einen Laien, der mitten im Business-Leben steht: „Gerade wenn Du Ruhe magst und das tägliche Gehetze verabscheust, solltest Du mit aller Kraft üben. Denn wenn die Kraft, die Du in der Stille erreicht hast, frontal auf die tägliche Hektik trifft, wird die Wirkung, die Du erreichst viel stärker sein.“

Es ist eine besondere Herausforderung in dieser lauten Welt die innere Stille und Mitte zu bewahren. Doch gerade im täglichen Stress bewährt sich die Zen-Praxis. Strahlen wir selbst Kraft und Stille aus, dann praktizieren wir Zen nicht nur für uns selber, sondern auch für andere Menschen.

Die Buddhas bei Beate Uhse

Die Buddhas bei Beate Uhse

  Am Weg zu unserem Zendo gibt es einen Beate Uhse Shop und siehe da, auch dort sind die Buddhas angekommen. Fein platziert zwischen einem rosa Vibrator und der sexy Unterwäsche.