Lebendige Orte der Stille

Ötscher

Drei Mußetage am Berg

Vergangene Woche habe ich mir und meinem Partner drei Mußetage verschrieben. Ab Donnerstag, denn am Wochenende wird uns oft ein Samstag oder sogar ein Sonntag abgeknipst, und die Abende sind auch meist voll besetzt. Wir wählten dafür ein kleines Dorf in den Bergen aus und es hat sich ausgezahlt. Strahlende Sonne am Berg, während in den Tälern noch der Nebel lag. Wenn die Natur so überwältigend ist, tritt die Übernachtungsgelegenheit in den Hintergrund. Das Zimmer war klein und schlicht mit wenig Raum um sich umzudrehen. So weit so gut, nur: Wo sollte ich meditieren? Sollte ich meinen Partner hinausschicken? Bei schönem Wetter ist das ja ok, bei Nieselregen anderntags hätte sich nur das Wirtshaus angeboten. Nein, da gab es doch etwas viel Besseres. Ich überliess meinem Partner das  Zimmer und ging über die Strasse zur Dorfkirche. Ich rechnete nicht wirklich damit, dass die Kirche an einem Donnerstag Nachmittag offen wäre. Doch: Ich hatte Glück und drückte das schwere Holztor auf. Sie war offen! Unter der Woche, ausserhalb der Messen, was für ein Service! Die Kirchenbänke waren zwar nicht gerade Lotussitz geeignet (nicht dass Ihr glaubt, ich sitze im vollen Lotus ;-)), doch fand ich eine gute Haltung, um in die Meditation zu kommen. Die Kirchenglocken läuteten meine Meditationsrunden ein und aus.

Es gibt keine besseren Orte in der Öffentlichkeit zu meditieren als Kirchen. Vor allem unscheinbare Kirchen, in die keine Touristen hinein latschen. Und die Stille der Kirchen ist anders als nur die Abwesenheit von Lärm. Jahrhundertelang haben Menschen dort gebetet und ihren Geist konzentriert. Diese Dorfkirche ist 1217 gegründet worden. 797 Jahre lang wurde dort gebetet. Ich rechne mir das nochmals durch wie viele Tage dort Menschen ihr Herz und ihren Geist zur Ruhe gebracht haben – es sind 285.905 Tage!  Zweihundertfünfundachtzigtausendmal ist diese Stille verstärkt worden. Von vielen vielen Menschen mit unterschiedlichen Gebeten, unterschiedlichen Gefühlen und unterschiedlicher Inbrunst. Kein Wunder, dass ich es so empfinde, dass jede Kirche eine andere Art der Stille durchwebt. Ich kann sie nicht aufnehmen und nicht fotografieren. Ich speichere sie in meinem Inneren und das ist genug.

Mitten in unserem geschäftigen Leben stehen die Kirchen, lebendige Orte der Stille, jederzeit betretbar, ohne Eintrittsgeld für jeden bereit. Nutzen wir sie!

Über die Grenze schauen

Unser Zen-Garten

Unser Zen-Garten

Vor drei Wochen waren wir eine intensive Meditationswoche lang Gast in der schönen Therme Bad Blumau und durften – als Teil unserer Arbeitsmeditation – einen Zen-Garten anlegen.  Wir bekamen Steine, Sand und Kies zur Verfügung gestellt und diskutierten, wie denn die Fläche gestaltet werden solle. Alle konzentrierten sich auf den rund einen Quadratmeter, den wir gestalten wollten. In der spannenden Diskussion, wie denn so ein Zen-Garten ausschauen könnte, kam mir ein Prinzip wieder in den Sinn, das bei Zen-Gärten wichtig ist. Ich hockte mich hin und bezog über die kleine Kernfläche hinweg die Böschung, die Büsche und den Himmel in das „Bild“ mit ein. Dadurch änderte sich die Perspektive und der Garten konnte im harmonischen Gleichklang mit seiner Umgebung entstehen.

Gewöhnlich sind wir versucht, uns auf den Bereich zu konzentrieren, den wir gerade bearbeiten. Im eigenen Garten sowieso, da ist der Zaun die absolute Grenze und wir tun alles, um den Nachbargarten nicht wahrzunehmen. Da werden Zäune hochgezogen und blickdichte Hecken gepflanzt. Die Grenzen sind uns Österreichern und Deutschen „heilig“. Nicht so den japanischen Gartenarchitekten. Das merkte ich, als ich vor drei Jahren den japanischen Garten im Park Planten en Blomen in Hamburg besuchte. Mir fiel dort eine Baumgruppe auf, die in meinen Augen ganz unharmonisch schien. Es waren vier Nadelbäume, zwei links, zwei rechts und in der Mitte war ein Loch. Das war nicht nur auf den ersten Blick unschön, sondern die Zahl „vier“ als japanische Todeszahl schien in einem so friedlichen Kontext auch äusserst unpassend. Eine Gruppe Bäume müsste in einem japanischen Garten fünf an der Zahl sein. Während ich da so saß, änderte ich meinen Blick. Und gewahrte plötzlich in dem „Loch“ zwischen den Bäumen, viel weiter hinten, den Fernsehturm. Der – japanische – Gartenarchitekt hatte den Fernsehturm als „Baum“ in die Baumgruppe einbezogen, obwohl er 100 Meter weiter hinten und jenseits des Parks stand. Das war für mich ein richtiges Aha-Erlebnis.

Gestern sprach ich über dieses Thema mit meinem Partner Paul und da erzählte er mir folgendes. Er ging in unserer Strasse die Zäune und Häuser entlang nach Hause. Plötzlich standen am Gehsteig zwei einsame Rucksäcke. Er hob den Blick, schaute die Gartenmauer des dortigen Hauses hinauf und sah zwei Buben, die im Kirschbaum auf dem Ast sassen und sich die reifen Kirschen in den Mund stopften, die sonst ohnehin niemand pflücken würde. Pauls Kommentar dazu:“ Da dachte ich, die Welt ist noch in Ordnung“, soll heissen: wenn es noch harmlose Ordnungsverstösse geben kann, die keinem schaden. Und ich dachte mir: „Ja, die schaffen es, über den (Garten-)Grenze“ zu schauen.“

 

Wenn der Dankestein „Achtung“ schreit

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Dankesstein

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, am Ende des Tages auf das Erlebte zurückzuschauen. Dazu habe ich mir einen hübschen rosafarbenen Kiesel ausgesucht. Er liegt neben meinem Bett. Vor dem Zubettgehen nehme ich ihn in die Hand und erinnere mich, was am heutigen Tag besonders schön war und bedanke mich innerlich dafür. Der Stein ist ein großartiger Anker, denn ohne diesen Stein würde ich diese Rückschau vergessen. Ob die Zen-Meister das mit einem Stein gemacht haben, weiss ich nicht. Von Hakuin Zenji wissen wir aber, dass er jeden Abend eine Tagesrückschau gemacht hat. Er nannte sie Innenschau (Naikan).

Die Rück-Innen-und-Rundumschau gibt uns dem Leben zurück. Die Stunden, aus denen unser Tag zusammengesetzt ist, wären sonst vorbei und vergessen. Und so hebe ich einen Moment von den 86.400 Sekunden, die wir in 24 Stunden verleben, heraus. Wenn ein einziger Moment wert ist, erinnert zu werden, war dieser Tag nicht umsonst.

Was sind die Glanzmomente meines Tages? Ein Sonnenstrahl auf einem Leberblümchen, der klare Nachthimmel, das Lächeln einer Frau, wenn ich den Berg runterjogge, eine Mutter, die ihrem Kind mit Schultasche ein Lied vorsingt. Kleine Beiläufigkeiten, Momente, die in unser geschäftiges Leben hereinflattern. Augenblicke ohne Zweck, jedoch prall mit Dasein.

Aber es gibt auch Tage, da denke ich „Was war heute, was mich berührte?“ Und da kommt nichts. Das sind Tage, an denen mein Dankesstein „Achtung“ schreit. „Achtung, Du bist in Gefahr!“ „Achtung, Du musst raus aus der Computer-Reaktionsfalle“. Dann weiss ich, ich muss entkuppeln und einen Gang runterfahren. —– Eine heilsame Sache, so ein einfacher kleiner Stein.

Gelebte Achtsamkeit

SchmetterlingOft sind es Kleinigkeiten, die überraschen und nachdenklich machen. Vor einiger Zeit mussten wir unser Zendo wegen Umbauarbeiten in eine Ausweichwohnung umsiedeln. Sie war abgewohnt, weil sie davor als WG benützt worden war. Wir brachten sie zwar mit großem Putzeifer auf Hochglanz. Dort und da blieben Sticker an den Türen und – vor allem – viele Löcher in den Wänden. Kein schöner Anblick, aber wir dachten alle, es sei ja nur für kurze Zeit.

Karte

Eine Woche nach dem Umzug kam ich ins Zendo und – es hatte sich etwas verändert. Ein kleiner Schmetterling klebte auf der Wand, genau dort, wo vorher ein Riesenloch gewesen war. Über die schwarzen Aufkleber hatte jemand  hübsche Karten mit japanischen Mustern geklebt. Niemand wusste, wer es gewesen war, ein Zen-Heinzelmännchen hatte unseren Meditationsort verschönert.


Im Zen lernt man viel  durch Wahrnehmen und Beobachten. Jedes Mal wenn ich in das Zendo komme, erfreue ich mich an dieser kleinen Verschönerungsgeste. Ein Fingerzeig für mich, mich darum zu kümmern, Orte aufmerksamer zu verlassen.  Natürlich sind wir alle so erzogen, den Status quo herzustellen, den wir vorgefunden haben. Z.B. in einem Cafe die Sessel  hineinrücken beim Weggehen oder im Selbstbedienungsrestaurant das Tablett wieder zurückzutragen.

Wie viel schöner ist die Idee, einen Ort besser zu verlassen als wir ihn vorgefunden haben! Betätigungsfelder gibt es viele! Öffentliche Toiletten ;-), Kaffeehäuser, Wanderwege, der Gehsteig, das Führerscheinamt, ein Hörsaal. Wir nehmen wahr und wir verändern den Ort zum Guten. Eine kleine Geste der gelebten Achtsamkeit, eigentlich nicht viel. Und doch kann es der Höhepunkt unseres Tages sein.

Achtung! Achtsamkeit!

Vor einigen Tagen traf ich einen alten Zen-Freund. Er war in einem deutschen Zen-Kloster gewesen, wo Achtsamkeit praktiziert wurde. Er sagte: „Alles haben sie achtsam gemacht. Sie sind achtsam gegangen, haben achtsam gekocht und achtsam Blätter eingesammelt. Die waren so achtsam, es war zum Kotzen!“

An jeder Ecke der Zen-Welt begegnen wir dem Wort Achtsamkeit. Dabei stellen viele Menschen einen hohen Anspruch an sich selbst. Sie wollen achtsam essen, achtsam Geschirr abwaschen, achtsam gehen und telefonieren. Und setzen sich damit erheblich unter Druck.

Einige Jahre vor ihrer Achtsamkeitspraxis lebten sie wie viele andere auch. Manche wollten ihren Abschluss an der Universität in Bestzeit machen, andere arbeiteten darauf hin, zum Senior Consultant befördert zu werden oder die gefragteste Grafikerin der Stadt zu sein. Dann merken viele, dass sie unter diesem Druck nicht weiterleben wollen. Also wenden sie sich einer Praxis wie dem Meditieren oder der Achtsamkeit zu. Doch auch dort wollen sie viel erreichen. Sie bemühen sich, sich noch mehr zu konzentrieren oder wollen jeden Moment ihres Lebens, von 7 Uhr früh bis 23 Uhr  in Achtsamkeit leben. Viele Meditierende ersetzen das eine Ziel nur durch ein anderes. Sie bewegen sich andauernd auf ein Ziel zu und sind dann unzufrieden, wie und wo sie gerade sind. Damit produzieren sie sich selbst Druck und Schuldgefühle und fangen dann möglicherweise an, nicht nur sich selbst am Achtsamkeits-Zollstab zu messen, sondern auch andere. Das war es, was meinem Zen-Freund unangenehm auffiel.

Er erklärte seine starke Gegenreaktion auf die Achtsamkeitspraxis: „Als ich dorthin kam, war ich wie ein Aussätziger. Sie liessen mich spüren, dass ich dauernd Fehler in der Achtsamkeit machte. Dadurch entstand ein Hierarchiegefälle von jenen, die „ach, so achtsam“ sind zu den anderen, die noch nicht so weit sind.“ Das war dann letztlich ein Druck wie im „normalen Leben“ auch.

Ich bin ehrlich, ich tue mir schwer mit der Achtsamkeit im täglichen Leben. Wenn ich vor meinem Computer sitze und einen Blog schreiben will, ist mein Hirn wie ein Stück nasser Seife. Kaum will ich es auf den Text richten, glitscht mir das Hirn mit 100 anderen Gedanken davon. Es ist sehr schwer, mit dem Willen achtsam zu sein. Und ich glaube, vielen anderen geht es genauso.

Deshalb verlasse ich mich auf die gute alte Zen-Meditation. Da kann sich mein Willen ausruhen und ich muss nur sitzen, sitzen, sitzen. So wie jetzt in der sogenannten Rohatsu-Woche, wo das Fähnlein der 7 Aufrechten – in Wahrheit sind’s glücklicherweise meist mehr – mit mir ab 16.00 bis in die Nacht meditiert. Gestern war der fünfte Tag. Wenn wir so Stunde um Stunde sitzen, zerbröselt der Wille, die Gedanken geben es irgendwann auf, sich einzumischen und ein anderes Gesicht erscheint – lächelnd und heiter. Sind wir dabei achtsam? Ja das kann sein – vor allem aber leben wir Moment für Moment in der Freude.

Der Zauber der Dämmerung

Eine solche Finsternis bin ich nicht gewöhnt. Als wir vor das Haus traten sahen wir – nichts. Kein Mond, keine Strassenlampen, keine Autos. Im Lichte der Taschenlampe gingen wir vorsichtig den Berg hinunter zu unserem Seminarhaus. Dort begannen wir unsere Meditation im Dunklen. Die Nacht war nicht nur dunkel, sie war auch still. Keine Bewegungen ausserhalb, keine Autos. Nur hie und da das Bellen eines Hundes. So sassen wir und nahmen in dieser Stille wahr, wie die erste Ahnung eines Tageslichtes die ersten Konturen der Dinge, der Matte, unseres Gegenübers zeichnete.

Matte in PortugalDas war der Beginn jeden Tages unserer Urlaubswoche „Zen und Urlaub“ in Portugal. Am Morgen begrüssten wir den Tag mit Zen, am Abend legten wir ihn mit Zen zur Ruhe. Dazwischen sonnten wir uns am Swimmingpool, gingen am Strand spazieren und blödelten im Restaurant herum.

Schöner als jeder Urlaubsmoment war es jedoch, mit dem Licht zu leben. Die Geburt des Tages – jeden Tag neu – jeden Tag ein Geschenk. Wir stellten uns in die aufgehende Sonne und nahmen sie auf. Am Abend schauten wir in die Abendröte über dem Meer – welch ein Schauspiel!

Jahrtausendelang standen die Menschen mit der Sonne auf und gingen mit ihr schlafen. Jeden Tag dieser Rythmus, angelegt in uns. Wenn ich mich in diesen Rythmus einschwinge, fühle ich mich irgendwie richtig. Und so ist die Meditation ideal in der Dämmerung – nicht nach der Uhr, sondern nach dem Tageslicht. Im Winter später am Morgen und früher am Abend, im Sommer früher am Morgen und später am Abend.

Ich weiss, ich weiss, unser Arbeitsleben verlangt das Leben nach der Uhr. Manchmal sind wir jedoch frei – am Wochenende, im Urlaub. Da können wir uns diese Freiheit gönnen. In der Finsternis aufstehen und auf der Matte aufwachen. Das ist pure Freude!

Putzen: Katharsische Zen-Praxis

Yippii, ich freue mich sehr, dass sich für das morgige Putzen im Zendo 5 (fünf!) Leute gemeldet haben! Warum, das lest Ihr hier.

Fleur in Japan 1978

Leben auf 10 m2

Fleur-Küche 1978

Der Herd am Gang

Vor vielen Jahren, als ich in Japan studierte, bewohnte ich ein sechs Tatami-Zimmer mit Kochplatte im Gang. Kein Badezimmer. Sechs Tatami, das sind ca. 10 m2. Im Vergleich zu anderen meiner Freunde, die nur 5 m2 zur Verfügung hatten (3 Tatami) , war das üppig. Es passte ein kleiner Tisch, zwei Kissen am Boden und ein Regal hinein. Das Futon zum Schlafen holte ich am Abend heraus und verstaute es am Morgen wieder im Kasten. Ich hatte alles was ich brauchte. Da der Platz sehr begrenzt war,  machte ich  auch jeden Tag sauber. Heute wohne ich auf viel mehr Quadratmetern. Das ist auch schön. Ich habe ein Klavier, auf dem ich spielen kann, ein Büro mit vielen Fachbüchern, eine große Küche. Und dennoch…

Die alten Zen-Meister hatten ihren Meditationsplatz im Kloster oder eine winzige Einzimmerhütte am Berg. Es war selbstverständlich, dass sie dieses Zimmer jeden Tag (!) reinigten und ihre wenigen Siebensachen selber instand hielten. Es war für sie ein Teil ihrer täglichen Meditationspraxis.

Ein solcher Aufwand jeden Tag ist für die meisten Menschen heute gar nicht möglich. Zu große Wohnungen, zu wenig Zeit. Viele Jahre lang beschäftigte ich auch Haushaltshilfen, die es mir ermöglichten, meine Familie, Karriere und meine Wohnung irgendwie unter einen Hut zu bringen. Seit fünf Jahren ist mein Leben nicht mehr so kompliziert. Und seither übernehme ich selbst Verantwortung für die Dinge, die ich besitze. Es gelingt mir noch immer nicht vollständig, aber es wird besser. Drei Faktoren scheinen mir einen Einfluss zu haben.

1. Ich merke, dass sich die Beziehung zu den Räumen und den Dingen darin ändert, wenn ich für sie sorge. Jedesmal wenn ich einen Raum reinige, Bücher in die Hand nehme, Regale abstaube, entsteht in mir ein Gefühl, dass sie versorgt sind. Es ist ein körperliches und geistiges Gefühl des Wohlbefindens. Ich stelle eine Verbindung zu den Dingen her, ich fühle mich aufgehoben.

2. Die Aufmerksamkeit bei dieser Tätigkeit verhindert, dass mein Kopf ganz woanders ist, während ich arbeite. Körper und Geist spielen zusammen. Ich komme in den Moment.

3. So wie mein Körper die Räume reinigt, so wirkt es sich auch auf den Geist katharsisch aus.

Auch in unserem Zen-Zentrum muss regelmäßig geputzt werden. Neulinge, die noch nicht lange meditieren, fragen häufig, warum wir keine Putzfrau beschäftigen. Alte Zen-Hasen merken aber die Auswirkung auf sich selber. Und auch der Raum hat sich für sie verändert, wenn sie den Boden gewaschen oder die Tatamis gelüftet haben: „ Ich freue mich über die Sauberkeit hier und es hat in mir auch etwas bewirkt, ich fühle mich innerlich wie frisch geduscht,“ sagte eine Zen-Putzerin.

Und jetzt wisst Ihr, warum ich mich so gefreut habe, dass fünf Menschen morgen in das Zen-Zentrum putzen kommen. Es zeigt nicht nur, dass so viele die Verantwortung für die gemeinschaftlichen Räume übernehmen, nein, es zeigt auch, dass sie verstanden haben, dass Zen nicht nur auf der Matte, sondern im täglichen Leben stattfindet.

Das Haiku-Prinzip – Grenzen setzen, das Wesentliche bestimmen und Handeln

Schlicht: das weisse Hemd

Die neue Schlichtheit

Mein Partner Paul überraschte mich vor einiger Zeit als er sagte: „Jetzt kaufe ich mir 14 weisse Hemden, dann habe ich endlich die Sorge los, dass ich mich jeden Morgen entscheiden muss, was ich anziehe. Und ich muss mir nicht überlegen, ob man zum gelben Hemd einen rosa Gürtel nehmen kann.“ 14 weisse Hemden, eine interessante Idee, samt der Kalkulation mit welchem Budget man für die Putzerei – jede Woche 7 Hemden – zu rechnen sei. Man spart Platz – indem man alles andere aus dem Kasten entfernt – und – unnötige Gedanken, die für manche Menschen mehr Stress als Vergnügen sind.

Innerhalb einer Woche gaben mir zwei weitere Aussagen zum gleichen Thema weiter zu denken.

Die Geschäftsführerin einer IT-Consulting Firma, 30 Jahre alt, tough und in High Heels genauso wie in Sneakers zu Hause, erzählte mir, sie hätte ihren Kleidungskasten erheblich reduziert. Sie gehe nur mehr in zwei Geschäfte von denen sie weiß, dass sie ihrem Stil entsprächen. Sie verbiete es sich, von der Auslage eines anderen Geschäfts zum Hineingehen verführt zu werden. Ihrer zweijährige  Tochter habe sie auch nur ein Paar Schuhe gekauft. „Das Leben ist ohnehin so kompliziert, da brauche ich meine Gedanken bei wichtigeren Dingen“.

Zwei Tage später besuchte mich ein 50 jähriger Unternehmer, Chef von mehr als 100 Mitarbeitern, einer der Vorzeige-Unternehmer Österreichs.  Er ist vor kurzem umgezogen und da reduzierte er gleich seinen Kleiderstand auf zwei Jeans, einen Anzug und vier weisse Hemden. Und: “ Es lebt sich viel leichter so, Du glaubst gar nicht, wie mich das befreit!“

Innerhalb von einer Woche hörte ich etwas Ähnliches von drei verschiedenen Personen! Sie beschränken ihre Garderobe, um ihren Kopf für Wichtiges frei zu haben. Sicherlich auch ein Aspekt, warum früher Schüler und andere Berufsgruppen einheitliche Kleidung trugen. Mein Zen-Lehrer z.B.  trägt „in Zivil“ immer einen Samu-e, einen  „Zen-Arbeitsanzug“ aus grauem Anzugsstoff, ob im Theater oder untertags auf der Strasse. Das erspart eine Menge Sorgen.

Die Sehnsucht nach Vereinfachung des Lebens erstreckt sich über viele Bereiche. Von alleine kommt das einfache Leben aber nicht. Es bedarf einer Entscheidung und der darauf folgenden Konsequenz zu einigen Dingen „Nein“ zu sagen.

Oft wird Zen mit „Weniger ist mehr“ in Verbindung gebracht. Die Reduktion auf das Wesentliche IST für viele Menschen Zen. Eine der vielen Ausformungen davon ist die Dichtform des japanischen Haiku. Viele Zen-Meister waren auch gleichzeitig Haiku Dichter, der berühmteste unter ihnen ist Basho.

Ein Haiku kommt mit 17 Silben aus – nicht mehr und nicht weniger. In diesen 17 Silben wird  ein Moment eingefangen, z.B.  das „Platsch“ des Frosches, der in den Teich springt. Nur das Wesentliche eines Moments. Der Dichter muss den Moment in kondensierten 17 Silben unterbringen und diese Beschränkung ist genau das Wichtige daran und führt den Dichter zur Höchstleistung, zur Vereinfachung.

Das Prinzip des Haiku können Sie auf jeden Bereich Ihres Lebens anwenden. Der erste Schritt ist:

1. Setzen Sie sich Grenzen. Das tut die Geschäftsführerin, indem sie nur in zwei Geschäfte einkaufen geht. Oder der Unternehmer, der sich nur auf weisse Hemden beschränkt. Sie könnten sich auf nur zwei Farben beschränken, z.B. schwarz und rot. Oder Sie nehmen sich vor, nicht mehr nach Schnäppchen zu jagen, die dann zu nichts anderem in der Garderobe passen, sondern gezielt einzukaufen. In allen Bereichen des Lebens, wann immer Ihnen etwas über den Kopf wächst, hilft es, sich Grenzen zu setzen. Um jedoch die wichtigen Grenzen zu setzen, müssen Sie wissen, was das Wesentliche ist. Das führt zu Punkt zwei.

2. Bestimmen Sie das Wesentliche. Im Haiku ist das Wesentliche dieser EINE Moment, den der Dichter uns in seiner  Lebendigkeit spüren lassen will. Durch die Konzentration auf diesen einen Moment lässt er alles Beiwerk, alls Unwesentliche weg und gibt dort die Kraft hinein.

Bei Kleidern gibt es mehrere Entscheidungsmöglichkeiten, was für Sie wesentlich ist. Eine wäre etwa, nur Kleider zu kaufen, die möglichst leicht zu reinigen sind. Eine andere,  nur zeitlos hohe Qualität einzukaufen, damit Sie lange nicht mehr einkaufen gehen müssen. Eine weitere wäre, dass Sie sich für einen bestimmten Stil entscheiden und dann gnadenlos alles andere weggeben. Manchmal tut ein Blick von aussen Wunder. Eine Freundin und Stilexpertin etwa hat mir sehr geholfen, die Finger von unpassenden Kleidungsstücken zu lassen. Ich kann mich jetzt besser beschränken (aber ich habe noch ein Stück Weges vor mir
;-))

3. Handeln Sie.  Nach der Entscheidung, was wesentlich ist und worauf Sie sich konzentrieren wollen, HANDELN SIE!  Nur denken hilft nicht! Trennen Sie sich von Unwesentlichem. Sagen Sie „Nein“ zu Ablenkungen und Gelegenheiten, die Sie vom Wesentlichen abhalten. Und erkennen Sie, dass Neinsagen ein Versprechen Ihnen selber gegenüber ist, sich an das Wesentliche zu halten.

Zum Schluss noch zwei Buchtipps , die mir geholfen haben, mein Leben zu entrümpeln:

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Leo Babauta: Weniger bringt mehr. Riemann Verlag 2009

Arigato Danke

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Ari-gatai —— Danke

Jede Kultur hat die Worte, die sie sich macht. Da ist ein Kulturvergleich manchmal sehr spannend. Das deutsche Wort „danke“ zum Beispiel bedeutete ursprünglich „Denken, Gedenken“ und bezeichnet damit „das mit dem (Ge)Denken verbundene Gefühl und die Äusserung dankbarer Gesinnung“. „Danke“ hat also etwas zu tun mit „an etwas dankbar denken“.

Ganz anders im Japanischen, das mir sehr nahe liegt. Im Japanischen heisst „danke“ arigato, ein Wort, das aus dem buddhistischen Denken kommt. Dieses Wort setzt sich eigentlich aus zwei Wörtern zusammen, aus „ari“ und „gatai„. „ari“ bedeutet „sein“ und „gatai“ heisst „schwer“. „Arigatai“ wird dann verwendet, wenn etwas Seltenes, Ungewöhnliches passiert. Daraus, aus diesem Seltenen, Ungewöhnlichem, erwächst ein Gefühl der Dankbarkeit und man sagt „arigato„.

Gestern war ich im Wienerwald wandern. Ich hatte mir vorgenommen den Pilgerweg von Wien nach Mariazell in Etappen zu gehen. Meinen kleinen Smart stellte ich vor der Wallfahrtskirche in der kleinen Ortschaft Hafnerberg ab und ging mehrere Stunden nach Klein Mariazell den Berg hinauf und dann weiter nach Kaumberg. Von dort wollte ich um 18 Uhr den Bus zurück nehmen – die letzte Chance, denn danach gab es keinen mehr.

Ich dachte, ich hätte viel, viel Zeit, doch wurde sie mir immer knapper. Einige Bäume waren gefällt worden, die Markierung war dadurch weg und ich verlief mich. Trotzdem – oh Wunder – kam ich genau richtig knapp vor 18 Uhr zur Busstation. Wunderbar. Erleichtert liess ich mich in den Sitz fallen. Nun musste ich nur noch ins Auto und nach Hause zischen. Beim Smart angekommen, drückte ich beschwingt den elektronischen Knopf am Schlüssel und  –  nichts rührte sich, das Auto ging nicht auf.

Gott sei Dank aber gibt es in diesen Elektronikwunderwuzziautos auch ein Schloss für die Hecktüre. Also kletterte ich von hinten durch den Kofferraum hinein. Ich wollte starten, aber wiederum ging nichts. Wer könnte mir helfen? Das Dorf war ausgestorben, die zwei Gasthöfe hatten geschlossen. Kein Mensch auf der Strasse. Es blieb mir nur übrig, zur Bundesstrasse zu gehen und ein Auto aufzuhalten. Ich stieg aus – und in diesem Moment kam ein Mann aus der Kirche. Er erwies sich als sehr, sehr hilfsbereit. Er fuhr nach Hause, holte Starterkabel, und wir versuchten, die Batterie aufzuladen. Leider bewegte sich immer noch nichts. Die Batterie war es also nicht. Der nette Mann rief einen Freund an, der Mechaniker ist. Dieser kam, obwohl er im Zeitdruck war mit seinen drei Kindern im Auto, schaute sich das Ganze an und konstatierte: „DIESE Elektronik! Ich vermute, der Code in Ihrem Schlüssel passt nicht mehr zum Code im Auto. Haben Sie einen Ersatzschlüssel?“ Ja schon, aber mit?

Ich rief also meinen Mann an und bat ihn, herzukommen. Er hatte Glück und unser Nachbar war so nett und lieh ihm seinen Wagen, etwas, womit er kaum gerechnet hatte, denn es handelt sich um einen sehr teuren Super-Super-Wagen. Er steckte seinen Schlüssel in das Zündschloss und der Wagen sprang an. So endete dieses Problem mit  großer Erleichterung: wahrlich ein Anlass für „arigato„!

Etwas sehr Ungewöhnliches hatte sich ereignet. Der Mann aus der Kirche, der Mechaniker-Freund und unser Nachbar, mein Gefährte -– alle haben zusammengeholfen, damit ich nach Hause kommen konnte. Wunderbar – ich fühlte mich in dieser Welt aufgehoben!

Da fiel mir das Wort meines Zen-Roshi ein, der meinte, je länger man Zen praktiziere, desto öfter passieren wunderbare, geheimnisvolle Ereignisse; desto öfter habe man Anlass um „arigato“ zusagen.

Habt auch Ihr schon solche Erfahrungen gemacht?